Das Geisterhaus
(The House of the Spirits)
USA, Deutschland, Dänemark, Portugal 1993, 140 Minuten
Regie: Bille August

Drehbuch: Bille August, nach dem Roman von Isabel Allende
Musik: Hans Zimmer, Sebastián Yradier („La Paloma“)
Director of Photography: Jörgen Persson
Montage: Janus Billeskov Kansen
Produktionsdesign: Anna Asp, Søren Gam

Darsteller: Meryl Streep (Clara), Glenn Close (Férula Trueba), Jeremy Irons (Esteban Trueba), Winona Ryder (Blanca), Antonio Banderas (Pedro Tercero Garcia), Vannesa Redgrave (Nivea del Valle), Armin Müller-Stahl (Severo del Valle), Maria Conchita Alonso (Tránsito Soto), Jan Niklas (Jean de Satigny), Sarita Choudhury (Pancha Garcia), Vincent Gallo (Esteban Garcia), Joaquín Martínez (Pedro Segundo Garcia), Jane Gray (Clara als Kind), Teri Polo (Rosa del Valle)

„They know the words but not the music“

Dass eine filmische Adaption des Stoffes in Isabel Allendes Roman „Das Geisterhaus“ (1982) eine nicht ganz einfache Angelegenheit sein würde, dürfte auch dem dänischen Regisseur Bille August („Pelle der Eroberer“, 1987; „Die besten Absichten“, 1992; „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“, 1997) bewusst gewesen sein. In dem Roman erzählt die Nichte des 1973 durch einen Putsch der chilenischen Militärs, unterstützt von CIA und Henry Kissinger, gestürzten und ermordeten Präsidenten Salvador Allende, der durch demokratische Wahlen einige Jahre zuvor die lange Herrschaft der konservativen Partei beendete, die Geschichte zweier Familien, in deren Mittelpunkt die mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattete Clara del Valle, später Trueba, steht. Der Roman spielt zwischen den 20-er Jahren und der Zeit kurz nach dem Putsch 1973. Die Spiritualität Claras steht für die Bedeutung des komplexen Zusammenhangs zwischen dem Handeln und den Beziehungen der Mitglieder der beiden Familien del Valle und Trueba.

Bille August engagierte eine ganze Reihe international bekannter Schauspieler. Doch – ich will es vorwegnehmen – der Film handelt die Geschichte ab, als wenn es darum gehen würde, möglichst viele Daten und Ereignisse auf möglichst engem Raum und in möglichst kurzer Zeit abzuhaken. Dem Film fehlt die Seele, die den Roman Isabel Allendes auszeichnet.

Ein Gift-Attentat, das Severo del Valle (Armin Müller-Stahl) im Jahr 1926 töten soll, trifft seine Tochter Rosa (Teri Polo). Ihr Verlobter, der Grundbesitzer Esteban Trueba (Jeremy Irons), verlässt aus Verzweiflung über den Tod Rosas seine Heimat und steht künftig einer der riesigen Plantagen vor, Tres Marias. Trueba wird ein reicher Mann – durch die Arbeit der Bauern und Landarbeiter in Tres Marias, über die er ein strenges Regiment führt und die er vor allem nicht in Geld bezahlt. Nicht nur das: Er nimmt sich, was er will, u.a. auch die Bäuerin Pancha (Sarita Choudhury), die er vergewaltigt. Pancha wird schwanger, und viel später wird es ihr Sohn sein, den sie nach ihrem unehelichen Vater Esteban (Vincent Gallo) nennt, der das Schicksal der Familie Trueba entscheidend beeinflusst.

1944 kehrt Esteban Trueba in seine Heimat zurück. Clara (Meryl Streep), die wesentlich jüngere Schwester Rosas, ist inzwischen eine junge attraktive Frau, die Dinge voraussehen kann. Die beiden heiraten und ziehen zusammen mit Estebans Schwester Férula (Glenn Close) nach Tres Marias. Clara liebt ihren Mann, doch sie kann dessen Behandlung seiner Untergebenen nicht akzeptieren. Als sich Jahre später beider Tochter Blanca (Winona Ryder) in den aufsässigen Pedro Garcia (Antonio Banderas), den Sohn des Bauern Segundo (Joaquín Martínez), verliebt, mit dem sie schon als Kind vertraut war, gerät Esteban in Zorn und will den jungen Mann töten, zumal Pedro die Bauern und Landarbeiter agitiert, ihre Rechte einzufordern und die Bezahlung ihrer Arbeit zu verlangen, sich gegen die Großgrundbesitzer zu wehren.

Doch nicht nur dadurch fühlt Esteban Trueba sich in seiner Machtposition gefährdet. Zwischen Clara und Estebans Schwester Férula entwickelt sich eine enge und liebevolle Freundschaft. Férula bewundert Clara und versucht, sie vor Gefahren, auch durch Esteban zu schützen. Als Esteban Férula von Tres Marias vertreibt, stirbt sie kurz darauf. Pedro, der von einem französischen Gast auf Tres Marias, de Satigny (Jan Niklas), beobachtet wird, als er mit Blanca schläft, muss fliehen, als de Satigny dies Esteban erzählt. Clara schließlich schwört, kein Wort mehr mit ihrem Mann zu reden, weil der sie geschlagen hat. Clara hatte Blanca verteidigt: Sie habe mit einem Mann geschlafen, den sie liebt, Esteban dagegen habe eine Frau gezwungen, mit ihm zu schlafen. Clara verlässt mit Blanca Tres Marias. Esteban ist allein. Die Zeit scheint reif für Veränderungen. Die Konservativen, die eine klare Wahlniederlage erleiden, werden von der Volksfront abgelöst. Für die Truebas hat dies verhängnisvolle Folgen ...

Diese Inhaltsangabe ist nur ein wirklich kleiner Ausschnitt aus einem Film, der vollgepackt wurde mit Figuren, Geschehnissen, Schicksalen und deren Verknüpfungen – and so on. Der Haken dabei ist nur: Bille August und sein Drehbuch halten sich nicht an die Devise: Weniger ist manchmal mehr. So werden die meisten Ereignisse regelrecht abgespult, und man merkt dem Drehbuch an, dass es auf Vollständigkeit aus ist, statt ausgewählten Ereignissen und Personen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Banderas z.B. spielt den aufsässigen Sohn eines Bauern, Vincent Gallo den illegitimen Sohn Estebans (mit gleichen Namen). Der eine wird Teil des Aufbruchs gegen die von Grundbesitzern bestimmten Strukturen, der andere schlägt sich auf die Seite der Putschisten. Nur, im Film bleiben beide Personen Statisten, sozusagen reine Katalysatoren, um Ereignisse auszulösen. Darüber hinaus werden Andeutungen gemacht, die aber hohl und nichtssagend bleiben, etwa dass Esteban Garcia sich rächen wolle, weil er nie Teilhabe am Reichtum seines Vaters haben würde.

Doch auch die Hauptfiguren des Films spielen ihre Rollen eher als vom Drehbuch getriebene Läufer durch fast fünfzig Jahre Geschichte, denn als Charaktere mit Tiefgang. Kein Zweifel: Jeremy Irons, Glenn Close und vor allem Meryl Streep holen aus ihren Rollen heraus, was geht, nur, die Rollen gehen unter angesichts des voll gestopften Drehbuchs. Hinzu kommt, dass die englischen respektive amerikanischen Hauptdarsteller und auch Armin Müller-Stahl nicht gerade das südamerikanische Ambiente verkörpern (können), das für diesen ausschließlich in dieser Region spielenden Film vonnöten wäre. In den letzten 30 bis 40 Minuten schließlich setzt Bille August zum Endspurt an: vorrevolutionäre Phase, Wahlsieg der Unidad Popular und Putsch werden in aller Eile – verknüpft mit der Festnahme und Folter Blancas und ihrer Freilassung sowie der Läuterung Estebans – abgedreht. Der Film degradiert endgültig zu einer visuellen, schauspielerischen und auch historischen Katastrophe.

Die übersinnlichen Fähigkeiten Claras sind in Bille Augusts Inszenierung nur Beiwerk, während sie im Roman als wichtiges Moment in die Erzählung einbezogen sind, als Mahnung und Zeichen der Zeit sowie der Wende in den menschlichen und sozialen Beziehungen. Der Satz Claras im Film, alles hänge mit allem zusammen, verkommt zu einer hohlen Phrase, die für den Gesamtzusammenhang des Films unwesentlich ist.

Es gibt leider nur einige wenige wirklich bewegende Szenen, etwa wenn sich Esteban bei Clara für alles entschuldigt, was er ihr und seiner Familie angetan hat, oder wenn er merkt, dass er am Schluss seines Lebens eine falsche, fatale Entscheidung getroffen hat. In diesen Szenen erhielten die Schauspieler Raum und Zeit, ihre Rollen zu entwickeln, leider zu wenig für einen Film, der immerhin 140 Minuten dauert.

Insgesamt ist „Das Geisterhaus“ der misslungene Versuch, einer Epoche, einem Land, einer Frau, die die Geschichte ihrer Heimat aufgeschrieben hat, und den Familien eine Art visuelles Denkmal zu setzen. Oder, wie Roger Ebert, Mark Twain zitierend, schrieb: „They know the words, but not the music.“