Der Sturm
(The Perfect Storm)
USA 2000, 129 Minuten
Regie: Wolfgang Petersen

Drehbuch: William D. Wittliff, nach dem Roman von Sebastian Junger
Musik: George Green, James Horner, John Mellencamp
Director of Photography: John Seale
Montage: Richard Francis-Bruce
Produktionsdesign: William Sandell, Charles Butcher, Bruce Crone, Ernie Bishop

Darsteller: George Clooney (Captain Billy Tyne), Mark Wahlberg (Bobby Shatford), Diane Lane (Christina „Chris“ Cotter), Karen Allen (Melissa Brown), William Fichtner (David „Sully“ Sullivan), Bob Gunton (Alexander McAnally III), John C. Reilly (Dale „Murph“ Murphy), Mary Elizabeth Mastrantonio (Linda Greenlaw), Allen Payne (Alfred Pierre), John Hawkes (Mike „Bugsy“ Moran), Christopher McDonald (Todd Gross, Channel 9 TV), Dash Mihok (Sgt. Jeremy Mitchell), Josh Hopkins (Captain Daryl Ennis), Michael Ironside (Bob Brown), Cherry Jones (Edie Bailey), Rusty Schwimmer (Irene), Janet Wright (Ethel Shatford), Bruce Mahler (Moss), Todd Kimsey (Lt. Rob Petit)

Stürmisch unspannend

Erst unter Wasser, dann über. Erst „Das Boot“, dann „Der Sturm“. Katastrophenfilme, davon habe ich eigentlich die Nase voll (ich meine natürlich nicht „Das Boot“). Es wiederholt sich vieles. Und seit dieses Genre, wenn man es denn so nennen kann, bereits in den 70er Jahren fröhliche Urständ gefeiert hatte, war ich froh, dass es das Zeitliche gesegnet hat. Ist „Der Sturm“ überhaupt ein Katastrophenfilm? Vieles spricht dafür. Wolfgang Petersen setzte nach einem Buch von Sebastian Junger über tatsächliche Katastrophen aufgrund von klimatisch äußerst ungünstigen Situationen im Oktober 1991 sechs Männer und ein paar andere Leute einem so genannten Jahrhundertsturm aus, Schwertfischer aus Gloucester, Massachusetts, auf der „Andrea Gail“, einem mittelgroßen Schiff, das 1991 in das Zentrum eines Hurrikans namens Grace geriet, der mit einem Tief und einer Kaltfront vor der Küste Nordamerikas zusammenprallte. Die Meteorologen sprachen von einem „Monster“, und genau in diese Richtung inszenierte Petersen seinen Film.

Die Besetzung der „Andrea Gail“ besteht aus Captain Billy Tyne (George Clooney), Bobby Shatford (Mark Wahlberg), der sich fast von seiner Frau Chris (Diane Lane) zurückhalten lässt, nach einem miesen Fang noch einmal hinauszufahren (Chris will, dass Bobby den Beruf wechselt), Sully (William Fichtner), der in ständigem Clinch mit Murph (John C. Reilly) liegt, weil der – zu Recht oder Unrecht – vermutet, Sully könne ein Verhältnis mit seiner geschiedenen Frau (Merle Kennedy) haben, Alfred Pierre (Allen Payne) und dem kauzigen Bugsy (John Hawkes), der einsam ist und hinter Irene (Rusty Schwimmer) her ist. Das Boot gehört dem skrupellosen Bob Brown (Michael Ironside), dem seine Schiffe und der Fang alles und die Männer nichts sind. Alle sechs sind auf das Geld aus dem Schwertfischfang dringend angewiesen, aber knapp über 2.000 Dollar pro Nase, die der letzte Fang gebracht hat, sind zu wenig. Billy entscheidet sich, nochmals hinauszufahren, die anderen machen mit.

Immer in ihrer Nähe befindet sich normalerweise Linda Greenlaw (Mary Elizabeth Mastrantonio) auf der „Hannah Boden“, dem Schwesterschiff der „Andrea Gail“. Linda ist Billy zugeneigt. Aber diese persönlichen Verwicklungen spielen im Grunde keine Rolle im Film. Petersen verwendet zwar mehr als die erste halbe Stunde dazu, die genannten Figuren vorzustellen und einen kurzen Einblick in die Situation der Fischer zu geben. Doch Charaktere mit Tiefgang interessieren Petersen nicht, nur die See mit Tiefgang. Ihm geht es einzig und allein um „Monster“, den Sturm, und die Personen, die da hineingeraten.

Schon bald ist klar, was sich am Himmel zusammenbraut, während die sechs Fischfänger zunächst keinen Erfolg beim Schwertfischfang haben. Billy entscheidet sich dafür, ein abgelegenes Gebiet aufzusuchen, weitab von den Grand Banks, und endlich scheint den Mannen Glück beschieden: 60.000 Pfund Schwertfisch – und dann fällt die Eismaschine aus. Wenn sie nicht flugs Gloucester anlaufen, war die ganze Fahrt umsonst. Billy und die anderen entscheiden sich, nicht abzuwarten, bis der Wirbelsturm vorbei ist, sondern durch ihn hindurch zu fahren. Warnungen Lindas vom Schwesterschiff können sie nicht mehr empfangen; eine Suchmannschaft, die drei Segler aus dem Wasser fischt, gerät selbst in Seenot und erreicht die „Andrea Gail“ nicht mehr. Für Billy und die fünf anderen wird es immer enger.

And so on. Exemplarisch für die Art und Weise, wie Petersen diese Geschichte umsetzt, ist der eingeflochtene Subplot um einen Millionär (Bob Gunton), der aus falsch verstandener Sorge um sein Segelboot das Leben zweier Frauen riskiert, indem er das Boot einfach treiben lässt. Dieser Subplot ist so nötig oder unnötig wie ein Kropf. Genauso gut hätte man – wie in den Katastrophenfilmen der 70er Jahre – auch noch drei oder vier weitere Subplots einbauen können (damals war es bei Flugzeug-Katastrophenfilmen üblich, ein Dutzend persönliche Familiendramen dem drohenden Absturz beizumengen). It doesn’t matter. Aber davon einmal abgesehen, ist die Geschichte, die sich immerhin über satte zwei Stunden hinzieht, so voraussehbar, dass ihr jegliche Spannung abgeht. Sicher, bei solchen Filmen wird kräftig mit dem Verhalten der Zuschauer spekuliert. Man zittert halt, ob jetzt einer ins Wasser fällt, und wenn ja, ob ihn die anderen wieder herausziehen, ob die drei vom Segelboot gerettet werden oder jämmerlich ertrinken und so weiter. Doch das hat mit Spannung wenig zu tun.

Der Film arbeitet mit Trickaufnahmen, digitalen Techniken, und so manche Szene verschlägt einem – wenn man hinterher darüber nachdenkt – den Atem: Da treiben doch tatsächlich bei ich weiß nicht wie viel Meter hohen Wellen auf offener See ein paar Männer aus einer Rettungscrew, die aus dem Hubschrauber springen mussten, weil der Benzintank leer war, mindestens eine Stunde im Wasser herum, als wenn sie den Freischwimmer machen würden, bis sie von einem größeren Schiff aufgegabelt werden. Die „Andrea Gail“ dreht sich einmal 360° um die eigene Achse wie ein Kanu im Wildwasser. Ist das möglich und glaubwürdig? Als Murph an einem Angelhaken hängen bleibt, zieht ihn die Leine über Bord tief unter Wasser. Sully und Bobby tauchen ihm nach, und tauchen und tauchen und tauchen und tauchen ... Haben die einen Kurs bei den Perlentauchern irgendwo im Pazifik absolviert?

Summa summarum kann ich die mancherorts zu spürende Begeisterung für Petersen Katastrophenfilm nicht nachvollziehen. Ich fand den Film nicht besonders spannend, er ist vorhersehbar, der unnötige Subplot ist geradezu langweilig, die Charaktere sind eigentlich keine, sondern eher Anhängsel des Sturms, die Dialoge begrenzen sich in den letzten 90 Minuten auf Zurufen, Hilfeschreie und ähnliches – und das Ende vom Lied ist eine Trauerfeier um sechs ertrunkene Seeleute.

Wie sagt doch der alte Seebär und pensionierte Fischer Quentin (Sandy Ward) im Film, als man an Land von der Gefahr für die sechs Fischer hört, weil sie sich in ein abseitiges Fanggebiet begeben haben: „Da gibt’s Fische und da gibt’s Wetter.“ Sach bloß, Junge wa?

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