Dreamcatcher
(Dreamcatcher)
USA, Kanada 2003, 134 Minuten
Regie: Lawrence Kasdan

Drehbuch: William Goldman, Lawrence Kasdan, nach dem Roman von Stephen King
Musik: James Newton Howard
Director of Photography: John Seale
Montage: Raúl Dávalos, Carol Littleton
Produktionsdesign: Jon Hutman, Kendelle Elliott, W. Steven Graham

Darsteller: Morgan Freeman (Col. Abraham Curtis), Damian Lewis (Prof. Gary „Jonesy“ Jones), Thomas Jane (Dr. Henry Devlin), Jason Lee (Jim „Beaver“ Clarendon), Timothy Olyphant (Pete Moore), Tom Sizemore (Captain Owen Underhill), Donnie Wahlberg (Douglas „Duddits“ Cavell), Eric Keenleyside (Rick McCarthy), Mike Holekamp (der junge Henry Devlin), Reece Thompson (der junge Beaver), Giacomo Beassato (der junge Jonesy), Joel Palmer (der junge Pete), Andrew Robb (der junge Duddits)

Schrecklich – der Film

Stephen Kings Romane verlockten schon etliche Regisseure zu filmischen Adaptionen – mit mehr oder weniger Erfolg –, u.a. etwa Rob Reiner 1990 mit „Misery“, Tommy Lee Wallace 1990 mit „It“ (für's Fernsehen), Brian de Palma 1976 mit „Carrie“, Frank Darabont 1999 mit „The Green Mile“ und last but not least Stanley Kubrick 1980 mit „The Shining“. King besitzt eine ausgeprägte Fähigkeit, den Horror in alltäglichen Situationen zu finden und so beängstigend zu beschreiben, das man des nachts mindestens einmal nachsieht, ob auch alle Türen und Fenster verschlossen sind. In den Filmen, die auf seinen Romanen beruhen, ist das wahrlich nicht immer so gewesen. Mein liebstes Kind in dieser Hinsicht bleibt Kubricks Film, mit dem wiederum King überhaupt nicht einverstanden war.

2003 begab sich Lawrence Kasdan aufs Eis, Kings „Duddits“ unterm Arm, einen Roman, den ich nicht kenne. Kasdan machte sich einen Namen durch Filme wie „The Accidental Tourist“ (1988), „Grand Canyon“ (1991), „Wyatt Earp“ (1994) und „Mumford“ (1999). Kasdan war maßgeblich an den Drehbüchern zu den Star-Wars-Filmen „Return of the Jedi“ (1983) und „The Empire Strikes Back“ (1980) beteiligt.

Vier Freunde und ein geistig zurückgebliebener, aber mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestatteter fünfter Junge im Bunde – das ist der Ausgangspunkt für eine Geschichte zwischen Komödie und Horror, Kriegsfilm und Sciencefiction, Drama und Krimi. Und genau das ist das Problem, das Kasdan und sein Drehbuch-Co-Autor William Goldman auf Zelluloid verewigt haben. Sie konnten sich nicht entscheiden. Dabei fängt der Film ganz vielversprechend an. Die vier Freunde – Henry (Thomas Jane), Beaver (Jason Lee), Jonesy (Damian Lewis) und Pete (Olyphant) – retteten in ihrer Kindheit Douglas Cavell, genannt Duddits, vor ein paar anderen Jungen, die Duddits zwingen wollten, Kot zu essen. Der Dank Duddits: er übertrug ihnen die Fähigkeit, Gedanken zu lesen. Seitdem sind die vier mehr miteinander verbunden als andere Jugendfreunde, die in die Jahre gekommen sind. Duddits hingegen haben sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Später erfahren sie, dass er an Leukämie erkrankt ist.

Zur Feier von Duddits und in Erinnerung an ihre damals geschlossene Freundschaft treffen sich die vier Männer in jedem Winter in einer Hütte irgendwo in den Bergen von Maine. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Zuerst finden sie einen völlig erschöpften Mann, Rick (Eric Keenleyside), der dauernd Blähungen hat und rülpsen muss, sowie eine Frau im tiefen Schnee, die merkwürdige rote Male im Gesicht und am Hals haben. Nicht nur das: Als Rick plötzlich auf der Toilette verschwunden ist, finden ihn zwei der Freunde tot und blutüberströmt. Ein Alien ist aus Ricks Körper geplatzt und bedroht die beiden Männer.

Zur gleichen Zeit macht sich Colonel Abraham Curtis (Morgan Freeman) von einer geheimen Armee-Einheit namens „Blue Unit“ daran, die Aliens ausfindig zu machen, um sie ins Jenseits zu befördern. Zur Seite steht ihm Captain Underhill (Tom Sizemore). Als letzterer erfährt, Curtis wolle die durch einen unüberwindbaren Hochspannungs-Zaun eingepferchten infizierten Menschen, die irgendwie Kontakt zu den Aliens hatten, töten, um eine Epidemie zu verhindern, untergräbt Underhill Curtis Vorhaben und schließt sich mit dem inzwischen hinter dem Elektrozaun gefangenenHenry zusammen, um einen anderen Weg zu suchen, die Gefahr durch die Außerirdischen zu bekämpfen. Die Situation spitzt sich zu, als sich ein „Mr. Gray“ genannter Alien Jonesy's Körper und Geist bemächtigt – mit eindeutiger Absicht: Zerstörung der Menschheit. Kann Duddits helfen? ...

... Nach den Vorstellungen Kasdans kann Duddits helfen. Dem Film allerdings macht Kasdan selbst den Garaus. Schon die Dialoge zwischen den vier Freunden erinnern eher an allzu bekannte Witzchen aus ebenso bekannten Nach-dem-Teenie-Alter-Teenie-Filmen. Der „Humor“, den Kasdan und Goldman hier verbreiten, sollte wohl den alien-mäßigen Horror kontrastieren. Doch schon das ging – trotz der gelungenen Ausgangsidee: vier Männer mit telepathischen Fähigkeiten usw. – glatt daneben. Etwa wenn Henry bei der infizierten Frau mitten im Wald im Schnee sitzt und von einem der Aliens angegriffen wird. Da musste der Angriff natürlich auf des Mannes bestes Körperteil (nein, nicht den Kopf) ausgerichtet werden: Ho ho ho! Diese Art der Inszenierung, die den Schrecken nicht komödiantisch überformt, sondern dem Film die Ernsthaftigkeit nimmt, wird noch dadurch blasser, dass die Konstruktion der Außerirdischen verdammt überdeutlich an die Aliens in Ridley Scotts Klassiker gleicht: eine Mischung aus Wurm und Schlange mit extrem gefährlichem Gebiss nistet sich in den Körpern von Menschen ein, um irgendwann herauszuplatzen. Vorher „leiden“ diese befallenen Menschen an Blähungen und Aufstoßen, was Kasdan wiederum dazu benutzt, „Humor“ zu produzieren: die vier Freunde können sich kaum halten vor Lachen, weil sie nicht ahnen, was hinter den außergewöhnlichen Tönen und Gerüchen steckt. Ho ho ho!

Nachdem das Kapitel Horror und Komödie erfolglos abgehakt ist, schwenkt der Film ein auf die Linie: Sciencefiction und Kriegsfilm. Warum sich Morgan Freeman für die Rolle des Colonel Curtis und ein dermaßen schlechtes Drehbuch zur Verfügung stellte, bleibt sein Geheimnis. Jedenfalls spielt er einen angeblich angesichts des jahrelangen Kampfes gegen die Biester aus dem All verrohten Soldaten, der nicht davor zurückschrecken würde, die gefangenen Menschen hinterm Zaun niederzumetzeln. Die Figur dieses Colonel ist derart schwach gezeichnet, dass einem die berühmten Haare zu Berge stehen. An Freemans Curtis ist nun wirklich nicht viel mehr dran als die schlechte Karikatur eines militärischen Haudegens in einer jetzt in Richtung „Save America“ umgelenkten Handlung. Und ruckzuck sitzen er und Tom Sizemore – „Black Hawk Down“-erfahren sozusagen – in ihren Kampfhubschraubern und versuchen, die um ihr Raumschiff versammelten Aliens niederzumähen: Krieg, Krieg und nochmals Krieg ...

... und wieder eine Kehrtwendung: Nun folgt das menschliche Drama. Henry besinnt sich auf die Fähigkeiten des alten Freundes Duddits, der mittlerweile an Leukämie erkrankt ist, kaum noch laufen kann, und dessen Mutter Henry bittet, ihn zum Endkampf gegen die Aliens mitzunehmen. Dort zu sterben, sei für Duddits sicher besser als in seinem miefigen Zimmer bei Muttern. Heul, heul, heul.

Und im Oberstübchen von Jonesy, der ja inzwischen vom Oberhaupt der brandgefährlichen Außerirdischen befallen ist, fahndet der letzte Rest von Jonesy nach Erinnerungen, um irgendwie dem Bösewicht Mr. Gray das Leben schwer zu machen.

Auch die teilweise großartigen Aufnahmen von den verschneiten Wäldern in Maine, Szenen wie die, als die Tiere des Waldes in seltener Eintracht geeint, schnurstracks in eine Richtung laufen, um dem Schrecken zu entgehen, können nichts daran ändern, dass Kasdan und Goldman ein selten schreckliches Kuddelmuddel an Genre-Versatzstücken, Klischees, geklauten Figuren (man schämte sich nicht einmal, Scotts Alien-Figur selbst in einem Dialog als Vergleich zu den hier gezeigten Außerirdischen zu nennen) usw. angerichtet haben. „Dreamcatcher“ ist weder Sciencefiction, noch Horrorfilm, sondern von jedem ein schlechter Ansatz, vermischt mit Kriegsfilm- und Billigkomödien-Elementen. Kasdan konnte sich nicht entscheiden. Und statt den King-Stoff zu konzentrieren, sozusagen die Idee, die Kings „Duddits“ wohl ausmacht, konsequent in ein einheitliches Drama umzusetzen, zerfleddert der Film an allen Ecken und Enden, weil noch dies herein muss und jenes usw. usf.

Von Themen wie „Identifikation mit Personen“ oder „Glaubwürdigkeit“ oder emotionale Nähe zu den Figuren will ich lieber schweigen.