Herr Lehmann
Deutschland 2003, 105 Minuten
Regie:
Leander Haußmann

Drehbuch: Sven Regener, nach seinem Roman
Musik: Charlotte Goltermann
Director of Photography: Frank Griebe
Montage: Peter R. Adam
Produktionsdesign: Thomas Strammer

Darsteller: Christian Ulmen (Herr Lehmann), Katja Danowski (Katrin, die schöne Köchin), Detlev Buck (Karl, der beste Freund), Janek Rieke (Kristall-Rainer), Uwe Dag-Berlin (Jürgen), Martin Olbertz (Marco), Hartmut Lange (Erwin), Margit Bendokat (Lehmanns Mutter), Adam Oest (Lehmanns Vater), Annika Kuhl (Heidi), Tim Fischer (Sylvio), Michael Beck (Klaus), Michael Gwisdek (Hans)

Trinken wir noch‘n Bier, oder was?

Oh, Ihr armen Männer!
Denkpause.
Oh, Ihr armen Männer !!
Weitere Denkpause.

Oh, Ihr, die Ihr nicht herauskommt aus Eurem selbst gezimmerten mittelgroßen Ghetto, gerade so groß, dass Ihr Euch darin bewegen könnt, sprich nach der Sauftour noch ordentlich durch die dunklen Straßen torkeln könnt. Nein, ein Ghetto ohne Zaun und Stacheldraht, eines, dessen Enden ihr lieber gar nicht überschreitet, es sei denn, um Mama und Papa einen Gefallen zu tun – aber selbst daran scheitert Ihr. Denn Ihr kennt Euch nicht aus, da „drüben“.

(Von was redet der eigentlich?)

Oh, Ihr Armen, Mühseligen und Beladenen! Tagsüber schlaft Ihr oder kifft oder esst um 11 Uhr morgens, wenn die anderen noch frühstücken Schweinebraten:

Dialog:
„Wenn das okay ist, dass hier so Vollidioten bis siebzehn Uhr frühstücken, dann wird das doch wohl auch okay sein, um elf Uhr einen Schweinebraten zu bestellen.“

„Ich würde das mal lieber andersrum ausdrücken: wenn die Welt schon mit Arschlöchern vollgestopft ist, die hier bis siebzehn Uhr frühstücken, wozu brauchen wir dann auch noch Knallchargen, die um elf Uhr schon Schweinebraten bestellen?“

Ja, das sind die wichtigen Dinge für unsere Männer aus dem Bezirk Berlin-Kreuzberg SO36 (letzteres nicht zu vergessen), „schon das angrenzende Kreuzberg 61 ist befremdendes Ausland, Charlottenburg ein anderer Kontinent und die DDR ein fremder Planet“, heißt es in der Ankündigung zu Leander Haußmanns filmischer Adaption des Romans von Sven Regener. Wir zählen Eintausendneunhundertneunundachtzig, stehen kurz vor dem als „Wende“ titulierten Crash der DDR, und unser wichtigster Mann in SO36, der Herr Lehmann (Christian Ulmen), wird demnächst 30, eine Schallmauer, die den Herrn Lehmann kaum zu interessieren scheint, nur seine Kumpels, die ihn – was er nicht kapiert – duzen und doch mit Herr Lehmann ansprechen. Doch ob Schallmauer 30 oder Mauer 1989 – Herr Lehmann bleibt Herr Lehmann, Schnaps bleibt Schnaps und SOS, nein SO36 bleibt SO36. Der Herr Haußmann filmt einen kleinen Kosmos in einer riesigen Galaxie, die Säufer und Schwulen, singlemäßigen Heteros und Kneipiers, Künstler und alles, was sich sonst noch gegen den Rest der Welt abgesperrt hat.

Herr Lehmann hat Eltern, die wohnen nicht in Berlin, und er hat ihnen erzählt, er sei Geschäftsführer eines gut gehenden Restaurants, und als sich Mama und Papa (Margit Bendokat, Adam Oest) selbst ein Bild machen wollen, stehen die Kumpels zusammen. Aus dem Kneipenwirt und Freund von Herrn Lehmann Karl (Detlev Buck) wird ein Kellner, aus Herrn Lehmann der besagte Geschäftsführer, aus der Köchin Katrin (Katja Danowski) eine vornehme Köchin, der Tisch in der Spelunke bekommt ein weißes Tischtuch, die Eltern bekommen die Spezialität des Hauses – besagten Schweinebraten mit Knödeln – und wahrscheinlich als erste überhaupt zwei Flaschen Rotwein in der sonst bier- und schnapslastigen Kneipe – und alle sind’s zufrieden.

Zufrieden ist Herr Lehmann auch, weil die besagte Köchin sich für ihn interessiert. Und nach dem ersten gemeinsamen Besuch im selben Bett philosophieren die beiden Turteltäubchen über die Liebe, nein, das heißt über Liebe im allgemeinen und Verliebtsein im besonderen. Katrin liebt Herrn Lehmann, aber sie ist nicht in ihn verliebt. Das versteht der Herr Lehmann nicht.

Gerade hat Herr Lehmann seine Eltern hinter sich gebracht und hinters Licht geführt, hat er nun eine Geliebte, die keine ist, während die auch sehr flotte Bedienung bei Karl namens Heidi (Annika Kuhl) leer ausgeht. Die hat’s nämlich auch auf Herrn Lehmann abgesehen. Pech. Herr Lehmann hat andere Sorgen. Er soll der Oma in der Zone, nee, in Ostberlin, 500 Mäuse von den Eltern bringen. Aber er kommt nicht mal hinein in die Hauptstadt der DDR, denn die Grenzbeamten nehmen ihn mit zum Verhör, das stundenlang dauert, und schicken ihn ohne Zaster wieder heim. Und dann noch das: Während der ausgehungerte Herr Lehmann beim Türken was Landesspezifisches essen will, platzt die Katrin herein, und das ausgerechnet mit dem Kristall-Rainer (Janek Rieke), der seinen Namen erhalten hat, weil er nur Kristallweizen schlürft, und küsst den auch noch. Streit ist angesagt. Sie ist nicht in ihn verliebt, er hat keine Ansprüche an sie zu stellen, das schöne türkische Essen klatscht zu Boden, Herr Lehmann aber behält die Oberhand (glaubt er):

Zitat:
„Sag du mir nicht, dass es aus ist. Du hast mir überhaupt nicht zu sagen, dass es aus ist. Das ist mein Text. Und ich sag dir mal was: Katrin. Es ist aus!“

Ausgerechnet mit Kristall-Rainer, den man doch als Polizeispitzel verdächtigt. Warum?

Zitat:
„Wieso glaubt ihr jetzt alle, dass der Zivilbulle ist?„ – „Ja wenn der auch immer Kristallweizen trinkt, ohne Zitrone.“

Und dann fängt der Karl auch noch an zu spinnen. Mir nichts dir nichts zerstört er sein eisernes Kunstwerk, eine riesige rostige Skulptur, und redet nur noch dummes Zeug. Da ist die Freundschaft gefordert, und Herr Lehmann verfrachtet den durchgeknallten Karl in die entsprechende Abteilung im Krankenhaus.

Als Fazit hält der Herr Lehmann erst mal fest:

Zitat:
„Ich habe überhaupt keine Ahnung, wann das anfing mit der ganzen Scheiße. Das ist das Komische daran. Das ist wie mit dem Untergang des römischen Reiches, da weiß auch keiner, wann das eigentlich anfing.“

Was meint er nur? Die DDR? Die zerbrochene Liebe? Den verrückten Karl? Eigentlich alles.

Und so endet die Nabelschau, wie sie begann: Herr Lehmann bleibt Herr Lehmann, Herr Haußmann bleibt Herr Haußmann, Herr Regener bleibt Herr Regener ... Den Rest möge man sich zusammenreimen.

Und die Moral von der Geschichte? Haußmann und Regener drehten einen Film aus dem Milieu und verblieben darin. Das an sich mag für sie selbst kein Problem sein. Aber manchmal fragte ich mich: Was soll’s? Dass der Herr Lehmann – Christian Ulmen spielt den Typ übrigens durchaus überzeugend, während Buck mir in „Blue Moon“ (2002) wesentlich besser gefallen hat – ein netter Bursche ist, kann man kaum bezweifeln. Dass der Film an einigen Stellen durchaus amüsant ist, gebongt! Dazu muss man allerdings auch sagen, dass manche Szenen und Dialoge nicht nur etwas mühsam und gequält daherkommen, sondern zudem wie die Probe von Laienschauspielern wirken, peinlich, peinlich! Aber selbst das alles einmal hintangestellt. Nabelschauen vom eigenen Leben, bei denen man nicht über den Tellerrand hinausschauen will, die geschichtslos, gesichtslos, konturenlos wirken, mögen für die eigene Biografie ganz nett sein, aber für einen Kinofilm? „Versuch mal, ohne Kopp aus dem Fenster zu kieken!“ Mag auch sein, dass mancher aus anderen Gegenden als Berlin sich in Herrn Lehmann wiederfindet. Nett. Aber mehr auch nicht. Ein Film ohne Dramatik, wirkliche Tragik, ohne wirkliche Probleme (es sei denn eingebildete), ein Männerfilm zudem, in dem Frauen nur am Rande vorkommen, selbst Katrin, die sozusagen lediglich als Katalysator und Stichwortgeberin funktioniert.

Wer solche Nabelschauen mag, ist mit Herrn Lehmann gut bedient. Wer davon die Schnauze voll hat, sollte den Film tunlichst meiden.

Eh ... bitte noch ein Pils.