Herzflimmern
(Le Souffle au coeur)
Frankreich 1971, 118 Minuten
Regie: Louis Malle

Drehbuch: Louis Malle
Musik: Gaston Frèche, Charlie Parker, Henri Renaud, Sidney Bechet
Director of Photography: Ricardo Aronovich
Montage: Suzanne Baron, Catherine Brasier-Snopko, Solange Leprince
Produktionsdesign: Jean-Jacques Caziot, Philippe Turlure

Darsteller: Lea Massari (Clara Chevalier), Benoît Ferreux (Laurent Chevalier), Daniel Gélin (Charles Chevalier), Michael Lonsdale (Vater Henri), Ave Ninchi (Augusta), Gila von Weitershausen (Freda), Fabien Ferreux (Thomas), Marc Winocourt (Marc), Micheline Bona (Tante Claudine), Henri Poirier (Onkel Leonce), Corinne Kersten (Daphne), François Werner (Hubert), Jacqueline Chauvaud (Helene)

Alle lachen

Man könnte vielleicht sagen, dass Louis Malles Film „Le Souffle au coeur” den Versuch der Annäherung an die Denkweise und das Fühlen einer jungen Generation darstellt. Der Schluss des Films deutet dies in einer vielleicht gar nicht mehr so überraschenden Weise an. Eine ganze Familie sitzt im Gästezimmer eines Kurhotels – und lacht. Kurz zuvor kam es zum Inzest zwischen dem jüngsten Sohn der Familie, Laurent (Benoît Ferreux), und seiner Mutter Clara (Lea Massari), von dem die anderen allerdings nichts wissen. Wie kann und wie darf das – noch dazu: „unwidersprochen” sein?

Louis Malle („Lacombe Lucien”, 1974; „Atlantic City”, 1980; „Mein Essen mit Andre”, 1981; „Damage”, 1992; „Eine Komödie im Mai”, 1990) zeichnet exakt und en detail das Bild einer Familie der oberen Mittelschicht im Dijon des Jahres 1954. Die Franzosen engagieren sich in Vietnam und Algerien. Die französische Regierung befindet sich aufgrund irgendeines politischen Skandals in der Krise. Charles Chevalier (unvergesslich: Daniel Gélin), der Vater der Familie, Gynäkologe, konservativ, hält den in diesen Kreisen nötigen, in seinen Worten: respektvollen Abstand zu seinen drei Söhnen Thomas (Fabien Ferreux), Marc (Marc Winocourt) und Laurent, der wiederum der absolute Liebling seiner Mutter Clara ist, die nicht nur um einiges jünger als Charles ist, sondern auch fast eher wie die Schwester ihrer Söhne aussieht und sich oft auch so verhält.

Zum Haushalt gehört noch Augusta (Ave Ninchi), Haushälterin und Kindermädchen, der die drei Söhne über den Kopf gewachsen sind. Ab und zu bekommt die Familie Besuch von Tante und Onkel (Micheline Bona und Henri Poirier), die ebenso konservativ denken wie Charles. Laurent hingegen liest Camus, hört Charlie Parker und anderen modernen Jazz und fühlt sich erwachsener, als seine 15 Jahre vermuten lassen. Er geht in ein streng katholisches Gymnasium, hat Unterricht bei Vater Henri (Michael Lonsdale), der es fast nicht fertig bringt, seine sexuellen Begierden im Zaum zu halten.

Malle präsentiert diese Verhältnisse einer „durchschnittlichen” Familie der Mittelklasse in einer größeren Kleinstadt des konservativen Frankreichs aber nicht nur in den Charakteren, sondern auch in Ausstattung, im Interieur der Wohnung der Chevaliers, in Kleidung und Zeitumständen präzise und überzeugend. Er erzählt die Geschichte der Familie, die vor allem auch ein Sittengemälde ist, aus der Perspektive Laurents, aber nicht aus der Ich-Perspektive, sondern so, als ob die Kamera Laurent ständig begleitet. Das verschafft die Möglichkeit eines ausgewogenen Verhältnisses von Nähe und Distanz für den Betrachter. Die Verhältnisse der Personen der Familie Chevalier zueinander werden in einer selten selbstverständlichen Offenheit gezeigt. Die Söhne sprechen offen, oft auch zynisch über ihre Eltern, vor allem den Vater, allerdings nicht in bösartiger, sondern eben in (aus ihrer Sicht) ehrlicher Weise.

Thomas, Marc und auch Laurent werden als Brüder gezeigt, die einerseits flügge werden oder schon geworden sind und das (zumeist heimlich) kennen lernen wollen, was ihnen die Eltern vorenthalten: Sie gehen in Bars, schlafen mit Prostituierten, trinken Alkohol, lesen verbotene Bücher. Andererseits werden gerade Thomas und Marc als Jugendliche vorgeführt, die sich das Recht herausnehmen, ihren jüngeren Bruder Laurent zu ärgern, reinzulegen, ihm dann aber wiederum die Möglichkeit verschaffen, die Welt zu entdecken, die sie schon entdeckt haben. Sie nehmen ihn mit in jene Bar, in der Laurent seine erste sexuelle Erfahrung mit einer Prostituierten (Gila von Weitershausen) macht.

Laurent weiß, dass seine Mutter eine mehr oder weniger heimliche Liaison mit einem anderen Mann hat. Seine Gefühle demgegenüber bewegen sich zwischen Eifersucht (weil er seine Mutter heiß und innig liebt), Toleranz (weil sein Vater ihm gleichgültig ist und er deshalb sich nicht auf dessen Seite stellt) und dem Wunsch, Clara nur für sich haben zu wollen.

Als Laurent herzkrank und ihm eine Kur verschrieben wird, geht Clara mit ihrem Sohn in das noble Kurhotel für noble Leute, in dem Laurent den arroganten Hubert (François Weber) und etliche Mädchen seines Alters kennen lernt. Claras Absichten dabei sind klar: sie will ihren Liebhaber von dort aus heimlich treffen. Andererseits wird das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn immer intensiver.

Man könnte Malles Film auch als Geschichte der aus Italien stammenden Clara begreifen, deren Verhalten maßgeblich das Geschick ihrer Söhne, vor allem Laurents, bestimmt, einer Frau, die an kaum etwas glaubt, die ihr Leben ohne Pläne lebt, die aus der Enge der familiären Lebensverhältnisse, die ihr die nötige finanzielle Sicherheit verschafft haben, ab und zu ausbricht, aber nicht wirklich entschlossen ist, sich von ihrer Familie zu trennen. Clara lebt in der typischen Konstellation von Geld, Einfluss und Sex, die jeweils eigenen personellen Ebenen zugeordnet sind. Malle gelingt eine (vorurteilsfreie und frei von moralischer Verurteilung geprägte) Darstellung dieser Verhältnisse und der Geschichte, die zum Inzest führt, die diesen als logische Konsequenz der Entwicklung einer Familie erscheinen lässt. Auch die Darstellung des Inzests ist frei von voyeuristischen Elementen oder „Knalleffekten”. So aufsässig sich die drei Söhne gegen die Verhaltensweisen vor allem ihres Vaters gebärden, so deutlich bewegen sie sich doch in den gleichen Bahnen, die ihnen von ihrer unmittelbaren Umwelt vorexerziert werden.

Nach dem Inzest schläft Laurent noch in derselben Nacht mit Daphne (Corinne Kersten), ebenfalls Patientin im Kurhotel. Clara hatte ihm, nachdem beide miteinandergeschlafen hatten, gesagt: „Wir erinnern uns daran als etwas Schönes, das wir nie vergessen werden, das sich aber auch nie wiederholen wird. Es bleibt für immer unser Geheimnis.” Laurent hat den ersten Schritt zum Erwachsenenalter hinter sich. Er schläft mit Daphne. Die Familie vereint sich im Lachen.

Man mag diesen Werdegang der Geschichte für abstrus halten, sich empören. Doch wenn man Louis Malles Film gesehen hat, kommt keine Empörung auf. Laurent betritt die Welt der Erwachsenen. Ob er bei Camus bleibt und bei seiner Ablehnung des französischen Kolonialkrieges in Vietnam, ob er weiterhin Charlie Parker hören wird oder nicht – wer weiß das schon? Jedenfalls wird ihn der Inzest nicht in die psychischen Niederungen einer ewigen Belastung führen, die sein gesamtes künftiges Leben bestimmen wird. Laurent ist frei von der Unschuld seiner Kindheit und bestens gewappnet für die Schuld, die er künftig auf sich laden wird.

Der Gegenpart im Film zu Laurent ist der innerlich völlig unsichere Kandidat Hubert, der die Ideologeme seiner familiären und sozialen Umwelt nachbetet, ohne zu wissen, wovon er eigentlich spricht. Äußerlich zeigt sich dies in einer permanenten Arroganz in Gebärde und Worten. Demgegenüber hat es Laurent gelernt, auch mit Ablehnung umzugehen, etwa wenn die hübsche und von ihm begehrte Helene (Jacqueline Chauvaud) ihm mehrfach einen Korb gibt, weil sie nicht mit ihm schlafen will.

Wenn Charles, Clara, Laurent, Thomas und Marc in der Schlussszene lachen, als Laurent mit den Schuhen in der Hand von seinem nächtlichen Abenteuer mit Daphne ins eigene Hotelzimmer kommt, so ist dies auch ein befreiendes Lachen, ein Lachen darüber, dass alles glimpflich abgelaufen ist, dass niemand zu Schaden gekommen ist, dass es zu keinem Exzess, keiner Gewalttat gekommen ist oder Schlimmerem.

Erstaunlich frisch und authentisch spielt der junge Benoît Ferreux diesen Laurent. Und Lea Massari steht ihm in nichts nach. Insbesondere das Spiel dieser beiden macht die Malle’sche Geschichte so glaubwürdig und in sich konsistent und logisch.


 

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