Riffpiraten (1939)
Der Geheimagent (1936)
Eine Dame verschwindet (1938)





Riffpiraten
(Jamaica Inn)
Großbritannien 1939, 108 Minuten (DVD: 96 Minuten)
Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Sidney Gilliat, Joan Harrison, nach einem Roman von Daphne du Maurier
Musik: Eric Fenby
Director of Photography: Bernard Knowles, Harry Stradling Sr.
Montage: Robert Hamer

Darsteller: Charles Laughton (Sir Humphrey Pengallan), Maureen O’Hara (Mary), Robert Newton (James „Jem“ Trehearne), Leslie Banks (Joss Merlyn), Marie Ney (Patience Merlyn), Horace Hodges (Chadwick, Sir Humphreys Butler), Emlyn Williams (Harry, Pirat), Wylie Watson (Salvation Watkins, Pirat), Edwin Greenwood (Dandy, Pirat), Hay Petrie (Sam, Stallknecht Sir Humphreys)

Trivial und wenig spannend

„So ran an old Cornish prayer of the
early nineteenth century, but in that
lawless corner of England before the
British Coastguard Service came into
being .. there existed gangs who ...
deliberately planned the wrecks, luring
ships to their doom ...“

Ein Piratenfilm von Hitchcock? Allerdings. Und ein Versprechen über dunkle Machenschaften und dunkle Gegenden zu Anfang, das der Film – das sei vorweggesagt – nicht einhalten kann.

An der zerklüfteten Küste von Cornwall treiben Piraten ihr Unwesen, locken Schiffe mit wertvoller Fracht gegen die Klippen und lassen niemanden überleben. „Jamaica Inn“ heißt die dunkle Spelunke, um die sich der Film dreht und in der die Kerle sich treffen, angeführt von dem Wirt Joss (Leslie Banks), einem harten, ungehobelten Burschen, unter dessen Regime auch seine Frau Patience (Marie Ney) zu leiden hat. Doch sie trägt es seit Jahren mit Fassung, weil sie ihren Mann liebt.

Das Szenarium ist eröffnet: Piraterie im Land der stolzen Briten, deren Polizei die Ganoven nicht zu fassen bekommt, auch weil sie ein anderer deckt und weil sie sich in den Schlupflöchern der einsamen, verwinkelten Gegend gut verbergen können. Dunkle Wolken, steile Küste, dunkle Gestalten, Raub, Mord – alles, jedenfalls mehr oder weniger alles im Studio gedreht. Es stürmt, regnet und kracht. Nur die Geschichte kracht nicht wirklich.

In diese Szenerie lässt Hitchcock die Unschuld in Gestalt einer jungen Frau einbrechen. Mary heißt sie, und ihre Mutter ist vor wenigen Wochen verstorben. Eine Waise begibt sich ahnungslos in das Jamaica Inn, wo Tante und Onkel leben, eben Joss und Patience.

Noch einer bricht in das Treiben der Piraten ein: James Trehearne (Robert Newton), der sich unter sie mischt, mitmischt, aber anderes im Sinn hat. Und last but not least trifft Mary zu allererst auf den örtlichen obersten Richter der Gegend, Sir Humphrey Pengallan (Charles Laughton), einen offenbar freundlichen und hilfsbereiten, wenn auch dandyhaften älteren Grafen, der im Kreis einer erlauchten Gesellschaft Gleichgestellter zu speisen, zu trinken und den britischen Adel respektive seine noble Familie(ngeschichte) zu ehren versteht – ein weitgehend geschätzter Herr. Er nimmt Mary auf, als der Kutscher sich weigert, am verruchten Jamaica Inn zu halten, und bringt sie höchstpersönlich in die Spelunke. Joss ist wenig begeistert über den Besuch. Und Mary muss bald feststellen, dass sich im Jamaica Inn schlimme Dinge abspielen. Durch Ritzen und Spalten beobachtet sie, wie Joss und die anderen Piraten einen der ihren, nämlich Trehearne, an den Kragen wollen, weil der Zwietracht zwischen Joss und die anderen säen wollte. Sie befreit den armen Kerl, flüchtet mit ihm an die Küste, von dort in das Anwesen des ehrenwerten Richters, der gegenüber seinen Pächtern gerade den generösen Grafen spielt – und beide erhoffen sich natürlich Hilfe von Sir Humphrey.

Doch der Richter ist nicht nur Richter und Trehearne ist alles andere als ein Pirat ...

Eine etwas merkwürdige Geschichte präsentierte Hitchcock seinem Publikum, kurz bevor er England verließ und in den Staaten seine nächsten Filme in Angriff nahm. Eigentlich eine Geschichte, die gar keine ist, wie man sie von Hitchcock gewohnt ist. Zumindest ist das, was einem geboten wird, um es gelinde auszudrücken, relativ schlicht und meist wenig ergreifend. Schon bald ist klar, dass Sir Humphrey der Kopf der Bande ist, wovon allerdings nur Joss Kenntnis hat, nicht die anderen Piraten. Schon bald ist klar, dass Trehearne, ein Angehöriger der königlichen Marine, als V-Mann in die Reihen der Gauner geschickt wurde, um den Hintermann der Piraterie aufzudecken. Schon bald ist klar, dass sich die Unschuld vom Lande, Mary, als mutiges und intelligentes Wesen entpuppt, die nichts, aber auch gar nichts schrecken kann.

Der dünne Faden der Nicht-Geschichte hangelt sich ausschließlich an der Tatsache entlang, dass die einen nicht wissen, was der andere wirklich ist – bis sie es wissen. Die Piraten wissen nicht, dass Humphrey die Tipps für die Schiffe gibt und dafür mehr kassiert, als ihnen bleibt; Trehearne erfährt von Humphreys unrühmlicher Rolle erst, als der ihn bereits durchschaut hat und fesseln lässt. Mary ist sauer, weil Trehearne natürlich auch ihren Onkel und ihre Tante hinter Schloss und Riegel bringen will – und so weiter.

Der große Rest des Films dreht sich eigentlich nur um die Frage, wie Mary und Trehearne, die aller Voraussicht nach auch ein Paar werden, die Bösewichter dingfest machen können. Und hier lässt sich Hitchcock gegen Ende noch dramaturgische „Kniffs“ einfallen, die dem Master of suspense nicht gerade zur Ehre gereichen: Marys Onkel und Tante müssen sterben. Kurz vor seinem Tod entschuldigt sich Joss bei seiner Frau für seine Grobheiten. Perfekt simpel. Der Tod rettet sie vor dem Gefängnis und Mary vor dem schlechten Gewissen. Zum anderen darf Sir Humphrey in einer theatralischen Schlussszene vom Mast eines Segelschiffs aus den „ehrenhaften“ Sprung in den Tod vollführen – womit vor allem die Ehre des britischen Restadels gerettet wäre und der Bösewicht seiner gerechten, aber durchaus unspannend inszenierten Strafe zugeführt wird.

Der Film hat deshalb keine wirkliche Geschichte, weil Hitchcock vom Pfade der Erzählung, des Geschichtenerzählens abgewichen ist. Dass Humphrey dramaturgisch sich schon bald am Anfang des Films als Hintermann der Piraten entpuppt, ist wohl vor allem der Tatsache geschuldet, dass Charles Laughton in dem Film von Anfang an omnipräsent sein wollte – so erzählt es jedenfalls Hitchcock, der Laughton als „liebenswürdigen Witzbold“ (eine nicht gerade schmeichelhafte Bemerkung) titulierte, im Gespräch mit Truffaut (1). Laughton kostet die Rolle aus, spielt den generösen Gentleman wie den schlitzohrigen Gauner in einem, was allerdings in einer auf Suspense angelegten Geschichte äußerst störend sein kann – und hier auch ist. Die deutsche Synchronisation sitzt dieser jedenfalls für diesen Plot unpassenden Darstellung auch noch dadurch auf, dass sie Laughton einen näselnden Sprecher verpasst.

Nicht nur dies, sondern auch die Tatsache, dass sich die Ereignisse wie lose Episoden aneinander reihen, deren Verbindung zueinander oft gequält erscheint, als wenn das Drehbuch mit der Kneifzange zusammengehalten werden musste, um einen Lauf der Dinge zu erzeugen, verpassen der Handlung etwas Erzwungenes und wenig Spannendes.

Und die Rolle der Mary – obwohl von der jungen Maureen O’Hara (u.a. „Rio Grande“, 1950) in ihrer dritten Kino-Rolle ganz passabel gespielt – ist in sich eher unglaubwürdig: Wie aus der Pistole geschossen wird die junge Waise zur kampfesmutigen Heldin. Lediglich Robert Newtons Rolle als verkappter Polizist Trehearne ist in sich stimmig aufgebaut.

Man könnte auch sagen: Die „Geschichte“ kann sich ihrer „eingebauten“ Trivialität kaum erwehren. Und Hitchcock selbst war später von dem Film eher tief enttäuscht.

(1)Truffaut / Hitchcock. Herausgegeben von Robert Fischer, München und Zürich 1999, S. 99-100.



Der Geheimagent
(Secret Agent)
Großbritannien 1936, 86 Minuten
Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Campbell Dixon, Charles Bennett, nach den Erzählungen „Ashenden“ von W. Somerset Maugham
Director of Photography: Bernard Knowles
Montage: Charles Frend
Produktionsdesign: Oscar Friedrich Werndorff

Darsteller: John Gielgud (Edgar Brodie / Richard Ashenden), Peter Lorre (General), Madeleine Carroll (Elsa Carrington), Robert Young (Robert Marvin), Percy Marmont (Caypor), Florence Kahn (Mrs. Caypor), Charles Carson („R“), Lilli Palmer (Lilli), Howard Marion-Crawford (Karl)

Spione am Genfer See

Schein und Sein. Ein Mann wird für tot erklärt und aufersteht im Auftrag des britischen Geheimdienstes. Aus Edgar Brodie, einem Schriftsteller, wird Richard Ashenden (John Gielgud), ein Spion. Erster Weltkrieg. Briten gegen Deutsche. Schauplatz Schweiz, Umgebung: eine Schokoladenfabrik, Volkstänze, der Genfer See, die Berge – also eine „typische“ Schweizer Umgebung. Holdrio!

Hitchcock ließ das Drehbuch aus zwei Erzählungen von Somerset Maugham zusammenschreiben, einer Spionage- und einer Liebesgeschichte, gespickt mit einiger Ironie, mit einigem Charme und einiger Verve in der Handlung, und vor allem mit einer Figur, in der sich Skrupellosigkeit, kindliche Naivität, Sarkasmus, ein gewisses Maß an Verzweiflung und Schläue vereinen: in der Figur des Generals, gespielt von dem mir unvergesslichen Peter Lorre mit Lockenkopf, spanischem Kauderwelsch, leicht gebräunter Haut, einem Mann, der mit Mord keine Probleme hat und ständig hinter Frauen her ist, obwohl er nicht gerade eine Ausgeburt an Schönheit darstellt. Der General wird Ashenden zur Seite gestellt, von „R“ (Charles Carson), dem Leiter des britischen Geheimdienstes. Dazu gesellt sich noch eine reizende Lady, Elsa Carrington (Madeleine Carroll), die auf Abenteuer aus ist und daher für den Job eigentlich ungeeignet ist und die als Ehefrau Ashendens fungieren soll. Alle drei sollen sich in der Schweiz treffen, um einen für Deutschland arbeitenden Agenten, den der britische Geheimdienst für besonders gefährlich hält, den aber bislang niemand kennt, auszuschalten, d.h. zu ermorden.

Eine junge Abenteuerin, ein nicht sehr mordgieriger Schriftsteller und ein absonderlicher General, von dem niemand so recht weiß, ob er jemals General war und der für die Tatausführung prädestiniert scheint – ein haarsträubendes Trio. Als Ashenden im Hotel in Genf ankommt, trifft er in seiner Suite nicht nur seine Pseudo-Ehefrau, sondern auch einen gewissen Robert Marvin (Robert Young), einen charmanten, überaus freundlichen Schürzenjäger, der gerade versucht, Elsa für sich zu gewinnen. Die allerdings – durchaus beeindruckt von Marvin – hält ihn auf Distanz.

Nachdem der General und Ashenden in dem schönen Nest Langental feststellen müssen, dass der Informant des britischen Geheimdienstes, ein Organist, der sie zu dem Spion führen sollte, ermordet wurde, bleibt ihnen nur noch eine Spur: ein Knopf, den der arme Kerl womöglich seinem Mörder abgerissen hat. Dieser Knopf führt das Trio im Casino beim Roulette zu einem Herrn Caypor (Percy Marmont), einem netten älteren Herrn mit treuem Dackel Fritzchen, dessen Jacke genau diese Art Knöpfe ziert. Man lockt den armen Mann zur einer Bergtour. Und während Ashenden, je näher die entscheidende Tat rückt, Gewissensbisse bekommt, stürzt der General den nichts ahnenden Caypor in die Tiefe, beobachtet von Ashenden durch ein Fernrohr.

Doch man hat (natürlich) den Falschen getötet. Und schon wollen Ashenden und Elsa, die sich auf den ersten Blick ineinander verliebt haben, aussteigen. Der General allerdings kann Ashenden dazu überreden, einer neuen Spur zu folgen. Er hat nämlich inzwischen durch intensiven Kontakt zu der jungen Lilli (Lilli Palmer) erfahren, dass in einer Schokoladenfabrik, in der ihr Verlobter Karl (Howard-Marion Crawford) arbeitet, sich das Nest der deutschen Spione befinden soll. Während Elsa enttäuscht von der Arbeit als Spionin und verbittert über Ashendens Bereitschaft, weiter nach dem deutschen Spion zu suchen, mit Marvin abreisen will, begeben sich der General und Ashenden in die Schokoladenfabrik ...

Wie Hitchcock selbst im Gespräch mit François Truffaut erläuterte (1), hatte „Secret Agent“ vor allem ein Handicap: die Hauptfigur. Der Held, Ashenden, ist nicht gerade eine Identifikationsfigur. Unentschlossen, kein wirklich eigenes Ziel vor Augen, schwankend zwischen schlechtem Gewissen und Spionageauftrag pendelt er mal hin und mal her. Nach dem irrtümlichen und vor allem auch leichtsinnig (nur aufgrund eines Knopfes) herbeigeführten Mordes an einem Unschuldigen versucht sich Ashenden gegenüber Elsa herauszureden, er habe Caypor schließlich nicht in den Abgrund gestürzt. Danach wird der General für beide, vor allem aber für Elsa, die auch ihren Anteil an dem Mord hat, zumindest als Mitwisserin, zum einzigen Schurken – obwohl der General nie ein Hehl daraus gemacht hat, wie er ist und nach welchen Überzeugungen er handelt. Lorres Rolle ist stringent durchdacht, durchgearbeitet und wird von ihm auch so gespielt.

Ein Held also, mit dem die Identifizierung schwer fällt. Das Drehbuch hat allerdings noch andere Schwächen. Woher weiß der britische Geheimdienst, dass Caypor der Falsche war? Und: Wieso lässt sich Ashenden, nachdem er weiß, dass man den Falschen ermordet hat, dazu hinreißen weiterzumachen – mit dem Risiko, wieder einen Unschuldigen zu treffen? Überhaupt: Wenn dieser unbekannte deutsche Spion so gefährlich ist, wieso setzt „R“ dann so unerfahrene Leute wie Elsa und Ashenden für diesen Auftrag ein?

Andererseits benutzt Hitchcock in diesem Film zum ersten Mal den Charakter des sympathischen, vornehmen, freundlichen Bösen. Es ist kaum schwer zu erraten, wer der deutsche Spion ist. Schon zu Anfang ist klar, dass Caypor samt Frau und Dackel kaum in diese Rolle passen und nur einer bleibt: Marvin. Robert Young spielt diesen Marvin in jeder Hinsicht überzeugend: mit Charme, Witz und Eleganz.

Marvin ist in dieser Hinsicht eher eine Identifikationsfigur als Ashenden. Dass er am Schluss sterben muss, passt aufgrund der Art und Weise der Inszenierung nicht so recht ins Bild. In einer Szene, in der er mit Elsa ins Casino geht, während der General und Ashenden in Langental den Organisten suchen, legt er seine Hand auf ihre Schulter. Sie entzieht sich ihm. Dann legt er die andere Hand auf ihre andere Schulter. Sie entzieht sich wieder. Dann ergreift er von ihr unbemerkt den Schleier ihres Kleides, um wenigstens etwas von ihr in der Hand zu haben. Diese Szene und überhaupt die Szenen mit Elsa und Marvin überzeugen, weil sie Hitchcocks Fähigkeit demonstrieren, Beziehungen, die mit Vorbehalten besetzt sind (Elsa hält sich wegen des Auftrags zurück und muss die Ehefrau spielen, Marvin muss seine wahre Identität verdecken), ironisch und humorvoll zu inszenieren. Auch Peter Lorre überzeugt durch seine – auch aus anderen Filmen bekannte – Darstellung eines in sich widersprüchlichen, aber in seiner Gesamtheit trotzdem homogenen Charakters.

Hitchcocks Genremix – ein bisschen Thriller, ein bisschen Komödie, ein bisschen Romanze – funktioniert in „Secret Agent“ noch nicht so überzeugend wie etwa in dem in mancherlei Hinsicht vergleichbaren „North by Northwest“ („Der unsichtbare Dritte“, 1959) im Spiel zwischen Eva Marie Saint und Cary Grant, in der Darstellung des eleganten Bösen Vandamm (James Mason) und in der im Hintergrund arbeitenden Agenten des (dort) amerikanischen Geheimdienstes. Dass am Schluss ein Liebespaar und zwei Tote übrig bleiben, ist in „Secret Agent“ noch etwas holprig dramaturgisch herbeigeführt und kann letztendlich nicht ganz befriedigen.

(1) Truffaut, Hitchcock, herausgegeben von Robert Fischer, München und Zürich 1999, S. 85 ff.



Eine Dame verschwindet
(The Lady Vanishes)
Großbritannien 1938, 92 Minuten
Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Sidney Gilliat, Frank Launder, nach dem Roman von Ethel Lina White („The Wheel Spins“)
Musik: Charles Williams
Director of Photography: Jack E. Cox
Montage: R. E. Dearing

Darsteller: Margaret Lockwood (Iris Matilda Henderson), Michael Redgrave (Gilbert Redmann), Paul Lukas (Dr. Hartz), Dame May Whitty (Miss Froy), Cecil Parker (Eric Todhunter), Linden Travers („Mrs.“ Margaret Todhunter), Naunton Wayne (Caldicott), Basil Radford (Charters), Mary Clare (Baroness Isabel Nisatona), Emile Boreo (Boris, Hotelmanager), Googie Withers (Blanche), Sally Stewart (Julie), Philip Leaver (Signor Doppo), Zelma Vas Dias (Signora Doppo), Catherine Lacey (Nonne), Josephine Wilson (Madame Kummer),Charles Oliver (Offizier), Kathleen Tremaine (Anna, Hotelangestellte)

Herriman's Kräutertee und die Folgen

Tohuwabohu. Koffer stürzen in ein kleines Hotel und an ihren Händen Menschen aller Art. Die Zimmerzahl allerdings ist begrenzt; und Boris (Emile Boreo), der Hotelmanager, hat alle Hände voll zu tun, die unerwarteten Gäste, deren Zug wegen der durch Schnee blockierten Strecke nicht weiterfahren kann, für eine Nacht unterzubringen.

Schon diese Anfangsszenerie in Hitchcocks Kriminalkomödie aus dem Jahr 1938 deutet auf die ihm eigene Fähigkeit hin, dieses gewisse Etwas an Tragik und Komik spannungsgeladen miteinander zu verbinden, für das der britische Regisseur so bekannt werden sollte. Im Hotel ist alles versammelt, was an britischen Charakteren so versammelt werden kann:

– die beiden Gentlemen Caldicott (Naunton Wayne) und Charters (Basil Radford), die nur eines im Kopf haben: Cricket. Das einzige, was sie befürchten, ist, ein Spiel zu verpassen, was am nächsten Tag in der Heimat ausgetragen wird;
– die redselige, aber nichtsdestotrotz sympathische und hilfsbereite Gouvernante Miss Froy (Dame May Whitty);
– der Musiker und Schriftsteller Gilbert Redman (Michael Redgrave), der seine Mitmenschen mit lautem Klarinettenspiel nervt, insbesondere
– die Schönheit des Films, Iris Matilda Henderson (Margaret Lockwood), die daheim in den Stand der Ehe zu treten gedenkt;
– das Pseudoehepaar Todhunter, d.h. der in der Öffentlichkeit stehende und darum um seinen Ruf besorgte Mr. Todhunter (Cecil Parker) und seine Geliebte, die sich als Mrs. Margaret Todhunter (Linden Travers) ausgibt.

Geschickt versteht es Hitchcock, uns diese Personen in den ersten 25 Minuten bekannt zu machen:

– die leicht zynischen Cricket-Fans, die im Zimmer der Hotelangestellten Anna (Kathleen Tremaine) einquartiert werden, einer Frau, die des öfteren die deswegen leicht verstimmten Herren aufsucht, um sich umzuziehen oder etwas zu holen.
– Iris, die von Gilbert „belästigt“ wird – weil sie sich über seine Musik beschwert hat –, der wiederum mit an absolute Frechheit grenzender Selbstverständlichkeit sich in ihrem Zimmer einquartieren will – Motto: „Auge um Auge, Zahn um Zahnbürste.“
– Und last but not least das „Ehepaar“ Todhunter, das sich offenbar nur streiten kann, bedacht darauf, von anderen dabei nicht bemerkt zu werden.

Wir befinden uns auf dem Balkan, in dem uns allen bekannten Land „Bandrika“, dem Zentrum des Balkans, in dem alle nur bandrikanisch sprechen – außer dem Hotelmanager, der des Englischen mächtig ist. Bandrika kennen Sie nicht? Das ist eine Bildungslücke! Egal. Bevor am nächsten Morgen jedenfalls der Zug abfahren kann, geschehen zwei merkwürdige Dinge: einem Volkssänger Bandrikas wird des nachts beim Singen das Lebenslicht ausgeknipst, und am Morgen fällt der armen Iris ein Blumentopf auf den Kopf. Sie überlebt. Die Fahrt kann beginnen und alle sind froh.

Alles übrige spielt sich nun – wie so oft bei Hitchcock – im Zug ab. Hitchcock liebt Züge und ich auch. Iris und Miss Froy kommen ins Gespräch, betreten das Restaurant, trinken Tee – gebrüht aus einem Teebeutel der alten Dame – und stören die beiden Cricket-Fanatiker, als die aus Zuckerstückchen gerade ein wichtiges Spiel aufbauen, durch die Frage: „Könnten wir bitte den Zucker haben?“ So etwas kann schwer wiegen – zumindest bei Cricket-Fans.

Noch leicht benommen von dem Blumentopf und müde der Anstrengungen der letzten Stunden schläft Iris im Abteil ein. Als sie wieder erwacht, ist Miss Froy verschwunden. Das allein wäre keine Rede wert. Doch alle behaupten, eine Miss Froy nie gesehen zu haben – sowohl der Zauberkünstler Signor Doppo (Philip Leaver) und seine Frau (Zelma Vas Dias), als auch die im Abteil sitzende Baroness Nisatona (Mary Clare). Und selbst unsere beiden Cricket-Gentlemen und das „Ehepaar“ Todhunter verleugnen die Existenz der alten Dame.

Iris ist verzweifelt – zumal ihr der im Zug anwesende Dr. Hartz (Paul Lukas) bescheinigt, ein Schlag auf den Kopf könne in manchen Fällen Halluzinationen auslösen. Selbst der gar nicht so üble Gilbert, der zunehmend Gefallen an Iris findet, glaubt der jungen Frau zunächst nicht – bis, ja „bis“ wäre schon zu viel verraten ...

Hitchcock lässt den Zufall ebenso spielen wie die Vorbehalte und egoistischen Interessen einzelner und die bösen Absichten anderer, um Iris als jemand da stehen zu lassen, die sich etwas einbildet. Ein Schriftzug auf der Scheibe im Restaurant verschwindet, als der Zug einen Tunnel durchfährt; Miss Froys Teebeutelverpackung (Marke Herriman) ist plötzlich aus der Küche verschwunden; die beiden Cricket-Fanatiker wollen von Miss Froy nichts wissen, weil sie und Iris ihr Cricket-Zückerchen-Strategiespiel jäh abgebrochen haben; „Mrs.“ Todhunter, die zunächst auch Gilbert gegenüber zugegeben hatte, Miss Froy zu kennen, ändert ihre Meinung, weil Mr. Todhunter durch eine Zeugenaussage Wirbel um seine Person befürchtet – schließlich ist der Gute verheiratet.

Doch so unvermittelt angebliche Beweismittel sich in Luft auflösen – oder aufgelöst werden? –, so wenig die anderen Reisenden von einer Miss Froy wissen wollen, so rasch erscheinen dann plötzlich wiederum neue Aussagen, neue oder auch alte Indizien. Ein munteres Geplänkel zwischen Iris und Gilbert im Gepäckwagen zwischen lauter Zauberutensilien und Signor Doppo tut ein übriges, um Gilbert davon zu überzeugen: Miss Froy muss sich noch im Zug befinden.

Durch dieses Hin und Her in der Enge eines Zuges, zwischen Abteilen und Restaurant, Gängen und Gepäckwagen entsteht eine Spannung, die sich zudem auch daraus ableitet, dass wir genau wissen, dass Miss Froy existiert und irgend etwas faul ist im Staate Dänemark respektive Bandrika. Doch auch die ersten beiden, „sanften“ Hinweise – der Tod eines Volkssängers und der unsägliche Blumentopf – lassen uns lange Zeit noch im Ungewissen, bis, ja bis ...

Dass sich aus der anfänglich so komödienhaft anmutenden Geschichte später eine handfeste Spionagegeschichte entwickelt, heißt übrigens nicht, dass das Komische mit zunehmender Zeit seine Bedeutung verliert. Bis zum Schluss bleiben Dialogwitz und Ironie erhalten – und das ist gut so in einem Film, den ich (neben „Rebecca“) für Hitchcocks besten der Vorkriegszeit erachte. Der Film ist spannend und amüsant und kann sich auch heute noch vielen Gegenwartsfilmen gegenüber mehr als behaupten.