Identität
(Identity)
USA 2003, 90 Minuten
Regie: James Mangold

Drehbuch: Michael Cooney
Musik: Alan Silvestri
Director of Photography: Phedon Papamichael
Montage: David Brenner
Produktionsdesign: Mark Friedberg, Jess Gonchor

Darsteller: John Cusack (Ed), Ray Liotta (Rhodes), Amanda Peet (Paris), John Hawkes (Larry), Alfred Molina (Doctor), Clea DuVall (Ginny), John C. McGinley (George York), William Lee Scott (Lou), Jake Busey (Robert Maine), Pruitt Taylor Vince (Malcolm Rivers), Rebecca De Mornay (Caroline Suzanne), Carmen Argenziano (Verteidigerin), Marshall Bell (Bezirksstaatsanwalt), Timmy York (Bret Loehr), Leila Kenzle (Alice York), Matt Letscher (stellvertretender Bezirksstaatsanwalt), Holmes Osborne (Richter)

Spannung, bis zum bitteren Ende

Streng genommen bedeutet Identität: Tod. Rekurriert man auf den in den Sozialwissenschaften seit Anfang der 70er Jahre inflationär ge- oder missbrauchten Begriff, der auch von politischen Strömungen aller Art massiv zum Einsatz gebracht wurde (von der RAF bis zu neonazistischen Gruppen, von konservativen „deutsche (nationale) Identität“-Fanatikern bis zu alternativ-grünen Parteien und Zirkeln), muss man resümieren: Identität ist etwas Statisches, etwas, das einen Zustand, Gegenstand, eine Mentalität oder sonstiges zeitlos fixieren will. In diesem Sinn ist Identität streng genommen: Tod. Denn nichts kann dem Zeitraumkontinuum wirklich entfliehen, weil alles sich ständig verändert.

Was hat das mit diesem neuen Film von James Mangold zu tun? Wer ihn gesehen hat, dem wird es schlagartig bewusst, besonders wenn man die Auflösung des Rätsels um die zehn Menschen in einem einsam gelegenen Motel, abgeschnitten vom Rest der Welt, kennt.

Das Motel scheint nicht besonders stark frequentiert zu werden. Sein Besitzer Larry (John Hawkes) wundert sich nicht wenig, als bei strömendem Regen – die Straßen in der Umgebung sind durch reißende Wassermassen inzwischen größtenteils unpassierbar geworden – ein verzweifelter Mann namens George (John C. McGinley) mit seiner schwer verletzten Frau Alice (Leila Kenzle) und dem verstört wirkenden Stiefsohn Timmy (Bret Loehr) in der Rezeption auftaucht und um Hilfe bittet. Doch das Telefon funktioniert nicht. Schuld an dem Unfall ist der ehemalige Polizist Ed (John Cusack), der sich momentan damit beschäftigt, die arrogante und leicht aufbrausende Schauspielerin Caroline (Rebecca De Mornay) zu Filmaufnahmen zu chauffieren. Als die einmal wieder nervte, passte Ed nicht auf, und Alice lief ihm direkt vor das Auto. Ebenfalls im Motel landet die Prostituierte Paris (Amanda Peet), die ein neues Leben anfangen will. Sie will einen Orangenhain irgendwo bei Los Angeles erwerben. Mit von der Partie sind das junge Ehepaar Ginny (Clea DuVall) und Lou (William Lee Scott). Ginny behauptet, sie sei schwanger, aber später gesteht sie Lou, dass sie dies nur gesagt habe, damit er sie heiratet. Und schließlich trifft der Polizist Rhodes (Ray Liotta) im Motel ein, der den psychopathischen Mörder Robert (Jake Busey) in ein Gefängnis bringen soll.

Nachdem Ed die verletzte Alice notdürftig am Hals genäht hat, ist plötzlich Caroline verschwunden. Wenig später findet Ed ihren abgetrennten Kopf in einer Waschmaschine. Gleichzeitig konnte sich Robert aus dem Waschraum, in dem er von Rhodes angekettet worden war, befreien. Der Verdacht fällt natürlich auf ihn. Dann allerdings passieren weitere Morde, und auch Robert wird zum Opfer eines Mörders, den Ed und Rhodes unter Mithilfe von Paris verzweifelt zu fassen versuchen. Bei den Opfern liegen jeweils deren Zimmerschlüssel. Der Mörder scheint nach dem Prinzip „Zehn kleine Negerlein“ die Reihenfolge seiner Opfer auszuwählen. Auch Motelmanager Larry gerät in Verdacht. Und schließlich scheinen alle zehn Hotelinsassen und Larry am selben Tag Geburtstag zu haben. Zufall? Wohl kaum.

Und noch etwas ist merkwürdig: Während die Motelgäste um ihr Leben fürchten müssen, versucht ein Psychiater (Alfred Molina) einen Richter (Holmes Osborne) im Beisein des Bezirksstaatsanwalts davon zu überzeugen, dass der zum Tode verurteilte mehrfache Mörder Malcolm Rivers (Pruitt Taylor Vince) nicht in die Gaskammer, sondern in die psychiatrische Klinik gehört, weil er für seine Verbrechen nicht verantwortlich gemacht werden könne. Doch was hat diese Geschichte mit der im Motel zu tun? ...

James Mangold („Kate and Leopold“, 2001), das kann man wirklich sagen, kommt sofort zur Sache. Keine Szene dieses Films ist überdehnt, die 90 Minuten scheinen die „richtige“ Länge für diesen Thriller zu sein, der sich durch eine Überraschung nach der anderen auszeichnet – bis zum bitteren Ende, an dem eine Auflösung steht, die so verblüffend wie einleuchtend einfach erscheint. Sie hat mit dem Titel des Films zu tun. Aber mehr zu verraten, wäre Sadismus.

Was „Identität“ neben der düsteren Stimmung in einem von Regenfällen heimgesuchten abgelegenen Motel des nachts und bei grellem künstlichen Licht aber vor allem auszeichnet, ist die überraschende feine Zeichnung seiner Figuren. Da gibt es niemanden, bis in die Nebenrollen hinein, der nicht als Mensch aus Fleisch und Blut, Herz und Verstand vorgestellt würde. Mangold und sein Drehbuchautor Michael Cooney („Jack Frost, 1997) beehren sich, die Opfer nach und nach vorzustellen, von der eingebildeten, hysterischen Diva über die misstrauische und ständigen Angriffen ausgesetzte Prostituierte, die von einem anderen Leben träumt, den missgestimmten Cop, den ruhig bleibenden Ex-Cop, der versucht, bei Verstand zu bleiben, als die Situation bedrohlich wird, den ängstlichen und hilflosen Familienvater, die ebenso ängstliche junge Ehefrau und ihren abwesend erscheinenden Mann bis hin zum barschen Richter, den man aus dem Bett geholt hat, weil ein Psychiater den letzten Versuch unternehmen will, einem zum Tode Verurteilten vor der Gaskammer zu retten.

Das Motel wirkt wie eine Falle; jegliche Verbindung zur Außenwelt ist abgeschnitten; Wasser hindert die Eingeschlossenen daran, die Straßen zu befahren, Handys funktionieren nicht mehr, das Telefon im Motel ist tot – ein „Panic Room“ (2002, Regie: David Fincher) anderer Art. Der Mörder zählt die Zimmernummern herunter, manch Toter scheint nicht einmal ermordet, sondern unfallbedingt ums Leben gekommen zu sein – und plötzlich sind die Leichen oder das, was von ihnen gefunden wurde, auch noch verschwunden.

Diese Mischung aus mystischen Elementen (auf dem Gelände befand sich früher ein alter Indianerfriedhof; Leichen verschwinden samt Spuren), Figuren, die fast alle etwas zu verbergen haben, überraschenden Wendungen und Enthüllungen bis hin zum Finale machen „Identität“ zu einem der spannendsten Thriller der letzten Jahre. Mangold vermied es, in die abgenutzten üblichen Genre-Klischees zu verfallen. „Identität“ funktioniert nicht nach dem üblichem Schema F des Genres, sondern lässt Phantasie und Einfallsreichtum zur Sprache und zum Bild kommen. Das alles präsentiert Mangold in einer Inszenierung, in der nichts als zu viel oder zu wenig erscheint. Und der Zuschauer? Der wird mächtig an der Nase herum geführt. Besser kann man es kaum noch machen.