Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin
Österreich 2002, 90 Minuten
Regie: André Heller, Othmar Schmiderer

Drehbuch: André Heller, Othmar Schmiderer
Director of Photography: Othmar Schmiderer
Montage: Daniel Pöhacker

Sophie Scholl und Traudl Junge

Nach schwerer Krankheit starb am 11.2.2002, nur wenige Stunden nach der Uraufführung des Dokumentarfilms, Traudl Junge, die von 1943 bis 1945 eine der Privatsekretärinnen von Adolf Hitler war – im Führerhauptquartier in Berlin, in der „Wolfsschanze“, auf dem Obersalzberg, unterwegs in den Sonderzügen nach Berlin. Sie erlebte im Bunker sowohl das missglückte Attentat Stauffenbergs auf Hitler als auch die letzten Kriegstage und den Selbstmord Hitlers. Sie setzte Hitlers politisches und persönliches Testament kurz vor dessen Tod auf.

Die Autorin Melissa Müller, die an Herausgabe und Einleitung der bereits 1947 von Traudl Junge niedergeschriebenen Erinnerungen arbeitete, vermittelte den Kontakt zwischen Frau Junge und André Heller. Im Frühjahr 2001 fanden dann mehrere Gespräche statt, die insgesamt zehn Stunden Filmmaterial erbrachten, das zunächst auf dreieinhalb Stunden zusammengeschnitten und Frau Junge vorgeführt wurde. Vor laufender Kamera nahm Frau Junge Korrekturen und Ergänzungen vor. Aus beiden Aufnahmen wurde dann ein 90minütiger Film zusammengeschnitten, der auf den Filmfestspielen in Berlin im Februar 2002 uraufgeführt wurde.

Frau Junge, geboren 1920, spricht – kurz vor ihrem Tod – zum ersten Mal öffentlich über ihre Kindheit und Jugend, ihre Lebensumstände, ihre Bewerbung als Privatsekretärin Hitlers und die Ereignisse zwischen 1943 und 1945. Der Film besteht ausschließlich aus Aufnahmen des Gesprächs, die Frau Junge zeigen. Es wurde kein weiteres Filmmaterial eingebaut.

Herausgeschnitten wurden laut André Heller Szenen, in denen Frau Junge sich selbst wegen ihrer Tätigkeit und Naivität dem NS-Regime gegenüber massiv anklagt.

Aufgewachsen ohne Vater wollte Frau Junge, die eine Ausbildung zur Sekretärin absolvierte, ursprünglich Tänzerin werden. Teils durch Zufall, teils durch Naivität wird sie von einer Bekannten nach Berlin vermittelt, um sich als Sekretärin für Hitler zu bewerben. „Ich war ein kindisches dummes Ding“ und „Ich habe das Gefühl, dass ich diesem Kind, diesem kindischen jungen Ding böse sein muss ..., dass ich ihm nicht verzeihen kann, dass es die Schrecken, dieses Monster nicht rechtzeitig erkannt hat. Und vor allem, dass ich so unüberlegt ›Ja‹ gesagt habe. Ich hätte ja, als ich nach Berlin kam, sagen können: Nein, ich will da nicht hingeschickt werden. Ich habe es aber nicht gemacht, da war die Neugier zu groß.“

Sie wird Sekretärin Hitlers, und Frau Junge erzählt in dem Film ausschließlich über die eingekapselte Lebensweise im Führerhauptquartier, über das in jeder Hinsicht kleinbürgerliche Leben, das dort geführt wurde, und darüber, dass bestimmte Themen – jedenfalls in Anwesenheit des Personals – nicht angesprochen wurden (z.B. die Millionen Opfer der Vernichtung). In seltener Klarheit schildert sie, wie sich sicherlich nicht nur sie – im Alter von 23 Jahren und im Nationalsozialismus groß geworden – dem Regime ohne Nachfragen, in einer schier grenzenlosen Naivität und Selbstverständlichkeit hingegeben hatte: „Hitler hat ja immer wieder betont: Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, ihr braucht nur zu tun, was ich sage. Die Verantwortung übernehme ich ...“ Und fügt als Erkenntnis, die ihr erst Jahre nach dem Krieg gekommen ist, hinzu: „Als ob man das Gewissen von einem anderen Menschen übernehmen kann. Und ich glaube, man kann ein Gewissen auch schärfen oder einschläfern oder manipulieren.“

Je näher die Niederlage des NS-Regimes kam, desto grotesker, makabrer wurde nach Traudl Junges Erzählungen die Situation im Bunker. Einerseits wurde mehr und mehr über Selbstmord geredet, andererseits wurde ein Standesbeamter herbeigeholt, der zwei Bedienstete noch traute, Hochzeit gefeiert, in Anwesenheit des „Führers“ geraucht und getrunken – bis sich Hitler und Eva Braun, Goebbels und seine Frau samt sechs Kindern umbrachten.

Nach dem Krieg wurde Frau Junge von den sowjetischen Militär verhaftet, konnte später in den Westen fliehen und wurde nach kurzer Internierung von dem Amerikanern, als Mitläuferin eingestuft, entlassen. Seitdem lebte sie in einer Einzimmerwohnung in München. 1955 zog sie G. W. Pabst zu den Dreharbeiten zu seinem Film „Der letzte Akt“ (Drehbuch: Erich Maria Remarque) über die letzten Tage im Führerbunker als Zeitzeugin hinzu.

Ein Zitat aus dem Film: „Aber eines Tages bin ich an der Gedenktafel für die Sophie Scholl vorbeigegangen, und da habe ich gesehen, dass sie mein Jahrgang war. Und dass sie in dem Jahr, als ich zu Hitler kam, hingerichtet worden ist. In dem Moment habe ich gespürt, dass es keine Entschuldigung ist, jung zu sein.“

Traudl Junge kennzeichnet diese Jahre in der Nähe Hitlers als Zeit „im toten Winkel“, als eine Zeit, in der sie und andere abgeschottet von der Außenwelt, aber auch unter Ausschluss von den politischen Gesprächen im Bunker ihr Leben in Naivität und einer geradezu „blindwütigen“ Unschuld verbrachten. (Sie musste zudem nur private Briefe und Reden schreiben, keine politischen oder militärischen Anweisungen oder ähnliches.) Frau Junge war in keiner Weise an irgendwelchen Verbrechen beteiligt, aber sie fühlte sich schuldig angesichts ihrer Tätigkeit als Sekretärin eines Massenmörders.

„Im toten Winkel“ bietet einen Einblick in die Mentalität einer Frau, die 1933 ganze dreizehn Jahre alt war, mit 23 in Hitlers Dienste trat und sich nach dem Krieg langsam, aber deutlich mit ihrem eigenem Verhalten im NS-Regime auseinandersetzte. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr. Ich muss gestehen, dass ich die Bereitschaft von Frau Junge, derart ausführlich über ihre Vergangenheit zu sprechen (die letzten 25 Minuten sind übrigens ungeschnitten und handeln von den letzten Tagen vor Hitlers Selbstmord), durchaus respektiere. Wie entsetzlich, solche Sätze zu hören wie: „Ich hatte nie das Gefühl, dass er bewusst verbrecherische Ziele verfolgt, für ihn waren es Ideale ... Ich habe gedacht, jetzt bin ich an der Quelle der Information, und ich war im toten Winkel.“ Der Film legt Zeugnis ab von einer Frau, die nach dem Krieg nicht einen Weg der Verdrängung gegangen ist wie viele andere – auch wenn sie erst mit 81 Jahren öffentlich darüber redete (sie war nach dem Krieg Mitglied der SPD).

Andererseits frage ich mich: Was bezweckten Heller und Schmiderer mit diesem Dokument? Die Aussage von Frau Junge, dass sie in die Dienste von Hitler trat als die Geschwister Scholl hingerichtet wurden, dass sie so alt war wie Sophie Scholl und dass Jungsein keine Entschuldigung für irgend etwas darstellt – das ist für mich die zentrale Aussage in Frau Junges Erinnerungen. Aber genau hier müsste es weitergehen. Hier wären Fragen angebracht. Wieso treibt die Diktatur die eine in den Widerstand und die andere in den Führerbunker? Heller verzichtete überwiegend auf irgendwelche Fragen; er lässt Frau Junge erzählen. Vielleicht wusste sie selbst keine Antwort auf diese Frage. Aber damit verbleibt das Dokumentarische selbst in gewisser Weise in einem toten Winkel – bei allem Verständnis für das einzelne Schicksal einer Frau, die nicht mehr schweigen wollte. Frau Junge schildert die Atmosphäre in der Umgebung Hitlers als eine „Banalität der Freundlichkeit im Zentrum des Grauens“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung). Doch wie hätte es auch anders sein sollen? Hätte Hitler sich gegenüber seiner engsten Umgebung verhalten sollen wie die Mörder in den KZs? Welch merkwürdige Erwartungshaltung wäre das. Wieso hätte der Teufel sich gegenüber seinem Personal anders verhalten sollen als Frau Junge es schildert? Wieso sollte man aus der kleinbürgerlichen Lebenweise um Hitler herum irgend etwas an Erkenntnis ziehen können? Wieso fragen sich noch immer Menschen, wie Hitler „privat war“?

Ging es Heller und Schmiderer um ein Zeugnis des Verzeihens für diejenigen, die teils ahnungslos, teil desinteressiert, teils wegschauend, jedenfalls unreflektiert in welcher Weise auch immer und ohne selbst „Hand anzulegen“ am Bau des „Tausendjährigen Reiches“ mitgewirkt haben, wenn auch lediglich als Sekretärin, Koch oder Schuhputzer? Wenn dem so wäre, hätten sie Frau Junge in den „toten Winkel“ der Funktionalisierung ihres eigenen Verhältnisses zur „Väter- und Mütter“-Generation gestellt.

Es bleibt wirklich nur eine spannende Frage: Sophie Scholl und Traudl Junge? Doch diese Frage ist weder neu, noch gibt der Film irgendwelche Hinweise darauf, wie man dieser Frage näher kommen könnte.