Jackass: The Movie
(Jackass: The Movie)
USA 2002, 87 Minuten
Regie: Jeff Tremaine

Drehbuch: Jeff Tremaine, Spike Jonze, Johnny Knoxville
Musik: D. Boon, Minutemen, Bernhard Hermann, Carl Orff
Director of Photography: Dimitrij Eljaschkewitsch
Montage: Liz Ewart, Mark Hansen, Kristine Young
Produktionsdesign: Martin Bresin, YouJin Choung

Darsteller: Johnny Knoxville, Bam Margera, Chris Pontius, Steve-O, Dave England, Ryan Dunn, Jason Acuña, Preston Lacy, Ehren McGhehey, Brandon Dicamillo, Henry Rollins, Spike Jonze, Mat Hoffman, Rick Kosick, Jess Margera, Phil Margera, Manny Puig, Chris Raab, Jeff Tremaine, Tony Hawk, Butterbean, April Margera, Rakeyohn, Rip Taylor

Die Spaßgesellschaft feiert sich selbst

Angeblich muss man diesen Film lieben oder man muss ihn nicht mögen, hassen oder in Bausch und Bogen verdammen. Aber das gilt nun doch für jeden Film. Vergessen wir also dieses weit verbreitete Argument. Hören wir die beiden Protagonisten der MTV-Serie, die nun ihre Fortsetzung in dem zweiterfolgreichsten Film in den USA 2002 fand (22,7 Mio. Dollar am ersten Wochenende soll er dort eingespielt haben; 39 Mio. Zuschauer sahen wöchentlich die MTV-Serie in den Staaten), in einem Interview mit dem „Spiegel“:

„Spiegel Online: Mr. Knoxville, Mr. Margera, sind Sie Masochisten?
Bam Margera: Was ist ein Masochist?
Johnny Knoxville: Das ist das M in S&M.
Margera: Ach so.
Knoxville: Ich bin jedenfalls keiner. Ich liebe es einfach, etwas Blödsinniges zu tun und es auf Video aufzunehmen.
Margera: Das ist unser Humor.
[...]

Spiegel Online: Glauben Sie, Sie haben etwas zur kulturellen Entwicklung der Menschheit beigetragen? So wie Shakespeare? Oder Neil Diamond?

Knoxville: Shakespeare? Nein. Wir wollten die Leute einfach zum Lachen bringen. Aber dass so viele Menschen darauf abfahren, das ist unfassbar.“


Auch dies deutet auf Spaß oder Nicht-Spaß hin – je nachdem, ob einem pubertäre Späße und Gewaltanwendung gegen sich selbst „gefallen“ oder nicht. Die Moral lassen wir mal lieber aus dem Spiel. Denn mit Moral haben die „Scherze“ der „Vollidioten“ (= jackass) nun wahrlich nichts zu tun. Mit Unmoral ebensowenig.

Dabei könnte man es eigentlich belassen. Denn es scheint wirklich nicht viel mehr hinter dieser Aneinanderreihung von absonderlichem Geschmack respektive abscheulichen Geschmacklosigkeiten (eben je nachdem wie man „positioniert“ ist) zu stecken, die Knoxville und Co. sich einfallen ließen. Oder doch? Das Filmmagazin „Schnitt“ jedenfalls schließt aus der vermeintlichen Analfixierung der Protagonisten auf eine Selbsthilfegruppe, einen weißen Männerbund frustrierter Homosexueller, die ihrer „Angst vorm schwarzen Mann“ und der eigenen potentiellen Homosexualität als Mitglieder der durch eine repressive Moral charakterisierten amerikanischen Mittelschicht ein Ventil verschaffen – und schließt mit den Worten: „Insofern ist dieses Drama um die Versuche einer ganzen Generation, aus einem standardisierten Alltag auszubrechen und sich hemmungslos dem Hedonismus hinzugeben und ihr fast tragisches Scheitern im Kontext einer Untersuchung verdrängter archaischer und heidnischer Riten unumgänglich.“ Ich kann kaum glauben, dass dieser Artikel (unter www.schnitt.de) wirklich ernst gemeint ist.

Um was geht es? Jedenfalls nicht um Film im üblichen. Anfang und Schluss bilden Szenen, in denen die Jackass-Crew zunächst – von Orffs Carmina Burana begleitet – in einem überdimensionalen Einkaufswagen im Nebel und in Zeitlupe, von Kanonen beschossen, sich selbst schlagend eine Straße hinab fährt und in einem Gemüsestand kläglich endet. In der Schlussszene sind die Crew-Mitglieder um Jahrzehnte gealtert und werden einer nach dem anderen Opfer bei Explosionen u.a. – bis auf einen. Der Rest des Films ist eine Mischung aus pubertären Streichen, Szenen à la versteckter Kamera, in denen z.B. in Japan Fußgänger oder Ladenbesitzer „hoch genommen“ werden, zumindest an Masochismus grenzenden Selbstversuchen und Fäkalszenen – eine wahrlich bunte Mischung also.

Getrost könnte man argumentieren, dass ja auch sog. „Reality Shows“ oder Talkshows, in denen so dramatische Fragen gestellt werden wie „Sind dicke Frauen mit Strapsen schön oder nicht?“, fast täglich – zumindest eine ganze Zeit lang – im Fernsehen zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurden (wobei in der Strapsen-Sendung eine sehr füllige Frau ihren Rock heben durfte, damit wir alle – wenn wir wollten – betrachten konnten, wie sie mit Strapsen aussah, und einer der Zuschauer seinen Ekel ganz offen darüber kundtun durfte.– Schön, nicht wahr?). Warum also die Aufregung um Knoxville & Co.,

– wenn sie auf Schnee in einer Eiswaffel urinieren, um die so gezauberte Leckerei dann zu verspeisen und sich hinterher zu übergeben,
– wenn einer der Jackasses sich ein Spielzeugauto in einem Kondom in den Darm schiebt, um sich hinterher bei einem Arzt röntgen zu lassen,
– wenn sich ein weiterer über einen Krokodil-Teich am aufgespannten Seil hängt, ein Stück Hähnchenfleisch aus der Hose heraushängen lässt und die lieben Kleinen vom Boden aus versuchen, dessen habhaft zu werden,
– wenn Crewmitglieder auf einem Dach sich Feuerwerksraketen in den Allerwertesten stecken und zuschauen, wie sie losgehen,
– wenn einem der Helden ein kleines Krokodil an die Brustwarze gesetzt wird,
– wenn ein anderer im Auto in die Hose scheißt,
– ein weiterer Wasabi Sauce durch die Nase zieht, um anschließend zu kotzen,
– oder – last but not least – sie sich Stromschläge zufügen,
und so weiter und so fort?

Warum um Gottes Willen sich über so etwas aufregen?

Es gibt auch anderes in diesem Film. Etwa wenn ein zum Opa gestylter Jackasses im Rollstuhl auf eine belebte Straße fährt und vor den am Fußgängerüberweg stehenden Autos einschläft, ein anderer in einer Einkaufsmeile sich bis auf einen Tanga entblößt und die Passanten mehr oder weniger überrascht oder erschreckt, oder in einem Supermarkt alle möglichen Artikel in die Jacke steckt und sich vom Ladenbesitzer nicht daran hindern lässt, bis er rausfliegt.

Selten so gelacht? Es gab einige ganz wenige Szenen, über die auch ich lachen musste. Sehr wenige. Unter anderem eine, in der Golfer im entscheidenden Moment des Ausholens mit dem Schläger durch ein lautes Horn der Jackasses erschreckt werden und den Ball verhauen.

„Jackass“ – das ist insofern ein „sehenswerter“ Film, als er demonstriert, was unsere Kultur so treibt. „Jackass“ bringt mehr als deutlich zum Ausdruck, das erlaubt sein soll und schon weitgehend ist, was machbar ist. Ich will das gar nicht als moralisches Urteil verstanden wissen, eher als Zustandsbeschreibung. Wer sich selbst Qualen beibringt – und das tun alle Jackasses in diesem Film –, gilt gemeinhin als Masochist. Ich halte das für zu kurz gegriffen. Für Knoxville & Co. war „Jackass“ ein „Spaß“, ein Spaß, der dokumentiert, was heutzutage alles unter Spaß firmiert. Am treffendsten ist in dieser Hinsicht eine Szene, in der ein Jackasser Bungee-Jumping in einer Unterhose demonstriert. Es ist der Kitzel, der Reiz, nicht nur bestimmte, sondern sämtliche Grenzen, nicht nur des im Normbereich liegenden Geschmacks, zu überschreiten. Insofern stellt „Jackass“ nur eine übertriebene Variante der exhibitionistischen und voyeuristischen TV-Shows und eines Großteils der medialen Welt dar, die eben (noch) nicht über ihre programmrichtlinien-bestimmten Grenzen hinaus dürfen – wie die unter Protest von Eltern etc. geschehene Absetzung der MTV-Serie zeigte.

Wenn bei einem schweren Verkehrsunfall so genannte Schaulustige Polizei und Rettungsdiensten den Weg versperren und glotzen, die Augen weit aufgerissen, das Blut vor Augen, die Gedärme vor Augen, alles sehen wollen, die Hälse recken, den besten Standort für ihre voyeurischen Bedürfnisse suchen – was ist das? „Jackass“ bringt solche Dinge zur Vollendung – im Selbstversuch und mit versteckter Kamera vor und mit anderen. Der Film zeigt, wohin es führt, etwas zu Ende zu bringen. Gequält wird vorerst kein „Unbeteiligter“.

„Jackass“ ist andererseits keine Karikatur auf Voyeurismus, Masochismus und / oder Exhibitionismus (höchstens bezüglich einiger weniger Szenen könnte man das vielleicht sagen). „Jackass“ ist – jedenfalls was das Kino angeht – in gewissem Sinne deren Vervollkommnung, zumindest ein Versuch in diese Richtung. „Jackass“ ist kein Spaß im herkömmlichen Sinn, sondern der Spaß einer viel zitierten Spaßgesellschaft, die es sehr ernst mit sich meint – wenn einer keinen Spaß versteht.

Verbieten? Nun, für Kids ist der Film verboten, jedenfalls hierzulande via FSK 18. Und ansonsten? Verbote solcher Errungenschaften der menschlichen Kultur werden kaum etwas bewirken.