Jenseits von Eden
(East of Eden)
USA 1955, 115 Minuten (DVD: 113 Minuten)
Regie: Elia Kazan

Drehbuch: Paul Osborn, nach dem Roman von John Steinbeck
Musik: Leonard Rosenman
Director of Photography: Ted D. McCord
Montage: Owen Marks
Produktionsdesign: James Basevi, Malcolm C. Bert, George James Hopkins

Darsteller: Julie Harris (Abra), James Dean (Cal Trask), Raymond Massey (Adam Trask), Richard Davalos (Aron Trask), Burt Ives (Sheriff), Jo van Fleet (Kate), Albert Dekker (Will Hamilton), Lois Smith (Anne), Nick Dennis (Rantani), Harold Gordon (Gustav Albrecht)

Jenseits von Gut und Böse

„Es begab sich aber nach etlicher
Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer
brachte von den Früchten des
Feldes. Und auch Abel brachte
von den Erstlingen seiner Herde
und von ihrem Fett. Und der Herr
sah gnädig an Abel und sein Opfer,
aber Kain und sein Opfer sah er
nicht gnädig an. Da ergrimmte
Kain sehr und senkte finster seinen
Blick.” (1)

Das Konservative trifft auf das Rebellische, das Gezähmte auf das Wilde, das Integrierte auf das Desillusionierte, das „Gute” auf das „Böse”, aber all dies nicht in einem politischen Sinn, nicht in Gestalt „absoluter” Positionen. Nein, Elia Kazans einer klassischen Tragödie ähnelnde und auf dem Roman John Steinbecks basierende Geschichte um die Familie Trask verortet diese Gegensätze in einer sehr konkreten, dichten Erzählung um Liebe und Hass, Verzweiflung, Verrat und Sehnsucht, in der die religiösen Verweise – insbesondere die Geschichte von Kain und Abel – die Form sind, in der sich diese Tragödie abspielt, in der Erlösung und Tod, Befreiung und Verletzung untrennbar miteinander verbunden sind.

Der Anfang des Films zeigt ganze drei Minuten lang, begleitet von dramatischer Musik, eine felsige Küste, bis die Kamera langsam nach rechts schwenkt, so dass man am Horizont etliche Häuser, ein paar Bäume und Wiesen hinter dem Meer und den Klippen sehen kann.

„In northern California, the Santa
Lucia Mountains, dark and brooding,
stand like a wall between the peaceful
agricultural town of Salinas and the
rough and tumble fishing port of
Monterey, fifteen miles away.”
(aus dem Vorspann des Films)

Wir schreiben das Jahr 1917. Ein junger Mann verfolgt eine schwarz gekleidete Frau bis nach Hause. Sie lässt ihn durch einen Angestellten vertreiben. „Bestellen Sie ihr, dass ich sie hasse”, sagt der junge Mann dem Angestellten im Weggehen, steigt auf das Dach eines Güterwagens und fährt so wieder nach Hause. Die Frau heißt Kate (Jo van Fleet) und leitet ein Bordell und eine verruchte Kneipe in Monterey. Der junge Mann heißt Cal Trask (James Dean), und jemand hat ihm erzählt, seine Mutter sei nicht nach seiner und seines Bruders Geburt gestorben, sondern lebe in Monterey. Kate ist seine Mutter.

Cals Vater Adam (Raymond Massey) ist ein tief religiöser Mann, sein Bruder Aron (Richard Davalos) kommt nach seinem Vater. Und Cal? Cal ist ein rebellischer, innerlich aufgewühlter junger Mann, der von seinem Vater nicht geliebt, ja, eigentlich verachtet wird. Cal kämpft stündlich, ja jeden Augenblick um die Anerkennung und Zuneigung Adams, vergeblich.

Als Adam noch einmal in seinem Leben eine große Chance wittert, nämlich mit der Kühlung von Lebensmitteln durch Eis während des Transports mit der Eisenbahn, benutzt Cal eine gestohlenen Kohlenrinne, damit die Arbeiter die Kohlköpfe besser aussortieren und verpacken können. Ein kühles Lob und der Vorwurf, man dürfe nicht stehlen, sind alles, was er von seinem Vater zu hören bekommt.

Cal erzählt seinem Vater, er wisse, dass seine Mutter noch lebe. Aber Adam erwidert nur widerwillig und deprimiert, dass er nicht wisse, warum Kate ihn verlassen habe, dass sie alles und jeden gehasst habe, wohl auch ihn. Von Kate, die Cal immer wieder versucht zu sprechen, erfährt er schließlich, dass sie gegangen sei, weil Adam sie habe einsperren wollen, weil sie keine Luft zum Atmen gehabt habe.

Von ihr leiht sich Cal 5.000 Dollar. Adam hat genau dieses Geld verloren, als der Güterzug, auf dem er die gekühlten Kohlköpfe transportiert hatte, stecken blieb, das Eis taute und die Kohlköpfe vergammelten. Jetzt will Cal mit dem Geld in Bohnen spekulieren. Denn der Kriegseintritt der USA steht kurz bevor, der Bohnenpreis steigt, weil die Armee Bohnen für ihre Soldaten in Europa benötigt. Cal verdient einen Haufen Geld. Als er es seinem Vater zu dessen Geburtstag schenken will, lehnt der das schmutzige Geld, das Cal mit dem Krieg verdient hat, ab. Es kommt zu einer Katastrophe ...

„Da sprach der Herr zu Kain. Warum
ergrimmst du? Und warum senkst du
deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn
du fromm bist, so kannst du frei den
Blick erheben. Bist du aber nicht fromm,
so lauert die Sünde vor der Tür, und nach
dir hat sie verlangen; du aber herrsche
über sie.” (1)

Kazan setzte in „East of Eden” auf intensive Charakterdarstellung, eine glaubwürdige Familiengeschichte und das, was man einen Katalysatoreffekt innerhalb einer solchen Tragödie nennen könnte, in Person des ungeliebten Sohns Cal. Das Rebellische in Cal, das Aufbegehrende richtet sich jedoch nicht nur gegen die Gefühlskälte seines Vaters, eines Mannes, der sich selbst für absolut rein und ehrlich hält, für unfehlbar könnte man sagen, für einen Mann, der immer alles richtig macht, der immer weiß, welchen Weg er einzuschlagen hat. Cal will wissen, wer er ist, will das Familiengeheimnis seiner Eltern lüften. Und er hasst seinen Bruder dafür, dass beider Vater nur Aron zu lieben scheint. Selbst dieser Hass allerdings ist genauso wenig absolut wie die vermeintliche charakterliche Reinheit seines Vaters.

Wir sehen Aron, der seinem Vater alles gleicht macht, dessen Zukunft in ebensolcher Reinheit bereits derart vorgeplant ist, dass man sich den Lebensweg bildlich vorstellen kann. Aron ist mit Abra (Julie Harris) verlobt, einer jungen, sensiblen und intelligenten Frau, die anfangs meint, in Aron den einzig richtigen Mann für ihr Leben gefunden zu haben, die Angst hat vor Cal, weil sie die Motive seines Verhaltens nicht versteht, weil sie ihn zunächst für schlecht hält, wie Aron und Adam dies immer wieder äußern. Doch im Unterschied zu Aron und Adam will sie wissen, was in Cal vorgeht, sie nähert sich ihm, versucht zu verstehen.

Bestechend an „East of Eden” ist vor allem, dass Kazan ausnahmslos alle Akteure in ihrer Zwiespältigkeit zeigt:

– Adam, die Reinheit in Person, der seinen Söhnen verheimlicht, warum Kate gegangen war, dass er sie nicht liebte, sondern nach seinen Vorstellungen bändigen wollte;

– Aron, der nichts besseres zu tun weiß, als seinem Vater in jeder Hinsicht zu folgen, um seine Anerkennung als braver Sohn zu erheischen; der die Augen vor allem verschließt, was nicht in dieses Bild passt;

– Kate, die ihre Freiheit auskostet, indem sie das Verruchte zum Geschäft gemacht und ihre Söhne allein gelassen hat;

– Abra, die sich in das Reine von Aron verliebt hat, nicht in Aron selbst, und die erst spät merkt, dass Cal ihr viel näher steht;

– und Cal, der alles, auch falsche tun würde, um die Liebe seines Vaters zu gewinnen; der sogar bereit ist, sich diese Liebe zu erkaufen.

Weil Cal aus Rache seinem Bruder von der Existenz der Mutter erzählt, ihn zu ihr führt, so dass Aron aus Verzweiflung, vor allem aber, weil sein hohles Weltbild zusammenbricht, freiwillig in den Krieg zieht, erleidet Adam einen Schlaganfall. Hier sind wir wieder bei der Geschichte von Kain und Abel, und ein langjähriger Freund Adams, der Sheriff (Burt Ives) wirft Cal vor, so wie Kain gehandelt zu haben. Warum er nicht auch weggehe wie dieser ins Land Nod.

Der Sheriff hat nichts verstanden. Nur Cal und Abra, die sich lieben, haben verstanden. Man mag diesen Schluss – als Cal sich entscheidet, seinen todkranken Vater zu pflegen – für rührselig halten. Doch das trifft den Kern der Geschichte nicht. Die Akteure durchschreiten im Verlauf der Geschichte all das, was wir alle in der einen oder anderen, stärkeren oder milderen Form erleben: den fatalen Irrtum ebenso wie die Verdrängung von Konflikten, den Verrat an uns selbst wie an anderen, den Hass wie die Suche nach dem, was Liebe heißt. Der Schluss stellt trotz der tragischen Ereignisse etwas dar, was wie ein Gewitter klärend wirkt. Das Ende ist vor allem Versöhnung, Ankommen an einem Ort (in uns), in dem nicht die Friedhofsruhe der Vergangenheit herrscht, sondern eine Ruhe, die von Liebe und Geborgenheit, Ehrlichkeit geprägt ist.

Dass das Tragische, der Verrat, die Rache, der Hass an diesen Ort führten, ist nicht unabdingbar. Dass sie aber sehr oft (schreckliche) Voraussetzung dafür sind, diesen Ort zu finden, muss einem zu denken geben. Das Zerrissene in allen Akteuren dieser Geschichte, das Fehlen einer quasi homogenen Mentalität, die einen Ausgleich von „Gut” und „Böse” in sich trägt, um beides „auf gesunde Weise” zu relativieren, ist gerade wegen dieser exzellenten Inszenierung der Geschichte hoch aktuell. Der Film verweigert sich nämlich jeglicher Schwarz-Weiß-Malerei – so wie John Steinbeck dies bereits in seinem Roman getan hatte.


(1) 1. Mose 4, 3-7. Zum Hintergrund der Geschichte von Kain und Abel:

„Der Hintergrund dieser Geschichte ist die Verdrängung der Nomaden durch die sesshaften Völker und damit die Zerstörung deren hehrer Landleben-Moral durch die pervertierte Moral der Städter und der Siedler. Und ‚Kain’ ist ein Synonym für kultiviertes Land mit Ackerbau, systematischer Bewässerung und festen Siedlungen bis hin zu großen Städten, während ‚Abel’ für Nomadentum und karges Wüstenleben mit Schaf- und Ziegenhaltung steht. [...]

Die Situation zur Zeit der Entstehung der Erzählung vor etwa 4000 Jahren war etwa die: Die sesshaften Völker vor allem im Zweistromland (‚Mesopotamien’) mit ihrem systematischen Ackerbau mit künstlicher Bewässerung konnten leicht größere Bevölkerungen ernähren und waren dabei auch weniger auf ‚natürlichen’ menschlichen Umgang miteinander angewiesen. In solchen anonymen Gesellschaften wird dieser eher unbefangene ‚normale’ Umgang miteinander ja eher durch Gesetze ersetzt, die natürlich gerade die persönlichsten menschlichen Beziehungen nie vollständig abdecken können. Demgegenüber herrschen in der Wüste, dem traditionellen Gebiet der Viehzüchter, andere Gesetze: Dort ist man wirklich auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen und dabei gelten also noch die ursprünglichen ‚moralischen’ Umgangsregeln. Und das gilt besonders für die typische Überlebenskleinstgruppe, die Familie. Mann und Frau mußten hier wirklich Partner sein, das Überleben des einen hing vom anderen ab. Wenn etwa der Mann in die Stadt ging, um Vieh zu verkaufen und ‚Stadterzeugnisse’ einzukaufen, dann war die Frau allein und mußte notfalls ihren Mann stehen, sie mußte die Kinder und das Vieh vor wilden Tieren schützen und vielleicht auch bisweilen vor menschlichen Räubern... Hier war gegenseitiger Verlass einfach notwendig und damit auch wirkliche Moral. Und davor konnte der Wüsten-Mann eben nicht eine von den Frauen aus der Stadt brauchen, die vielleicht schön und ‚locker’ waren (im Zweistromland war ja auch kultische Prostitution üblich), aber sonst nicht viel taugten, er brauchte eine wirkliche Gefährtin.

In den Augen der Verfasser der Bibel war nun das Verhalten der Wüstenbewohner natürlich und gottgefällig, das der ‚Zivilisationsmenschen’ dagegen dekadent und eben nicht-gottgefällig.

Und so nimmt denn der Gott der Wüstenbewohner – es ist also auch ‚ihre Geschichte’ – das Opfer des viehzüchtenden Abels an, das des ackerbauenden Kains nicht. Dennoch verdrängt der wirtschaftlich stärkere Ackerbau (der Name Kain bedeutet auch ‚Besitz’ oder ‚Schmied’ s. Namenserklärungen) die immer nach Überleben ringende Viehzucht der Wüstenbewohner. Und das ist dann die Geschichte, wie der ‚Ackerbauer’ Kain seinen ‚nomadischen’ Bruder Abel (dieser Name bedeutet ‚Hauch’ oder ‚Nichtigkeit’) totschlägt.”

Quelle: Wörterbuch - Lexikon - Stichwortverzeichnis: LEBEN-MORAL-GLAUBEN

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Screenshots von der DVD