John Q. – Verzweifelte Wut
(John Q.)
USA 2002, 115 Minuten
Regie: Nick Cassavetes

Drehbuch: James Kearns
Musik: Aaron Zigman
Director of Photogaphy: Rogier Stoffers
Montage: Dede Allen
Produktionsdesign: Stefania Cella

Darsteller: Denzel Washington (John Quincy Archibald), Kimberly Elise (Denise Archibald), Daniel E. Smith (Mike Archibald), Anne Heche (Rebecca Payne), James Woods (Dr. Turner), Robert Duvall (Lieutenant Frank Grimes), Ray Liotta (Polizeichef Monroe), Eddie Griffin (Lester), Laura Harring (Gina Palumbo), Larissa Laskin (Dr. Klein), David Thornton (Jimmy Palumbo), Kevin Connolly (Steve Maguire), Shawn Hatosy (Mitch), Heather Wahlquist (Julie), Paul Johansson (Tuck Lampley, Reporter),

Von der Schwierigkeit der Botschaft als Film

Tatsächlich ist „John Q.“ einer jener Filme, auf die man sich entweder einlässt, weint, zittert, hofft, die Fäuste ballt vor Wut angesichts von Ungerechtigkeit und Ignoranz, sich freut,  wenn John Q. ohne Kompromisse um das Leben seines Sohnes kämpft, und hinterher aus dem Kino geht und sich besser fühlt – oder man stampft diesen Film in Grund und Boden.

John Quincy (Denzel Washington), Denise (Kimberly Elise) und ihr Sohn Mike (Daniel E. Smith) sind eine glückliche Familie, auch wenn das Geld zum Leben hinten und vorne nicht immer reicht. John arbeitet in einer metallverarbeitenden Fabrik, in der gerade Kurzarbeit angesagt ist. Ihr Auto wird gepfändet, da die Archibalds die Raten nicht mehr bezahlen können. John sucht eine zweite Arbeitsstelle. Mit alldem würden die Archibalds irgendwie zurecht kommen wie Millionen anderer in den USA auch, die am Rande des Existenzminimums leben müssen.

Doch bei einem Baseballspiel bricht der kleine Mike plötzlich ohnmächtig zusammen. Im Hope Memorial Hospital in Chicago erläutert Chefarzt Dr. Turner (James Woods) den verzweifelten Eltern, dass Mike einen schweren Herzfehler hat und sterben muss, wenn er nicht ein Spenderherz eingesetzt bekommt. Die Krankenhausdirektorin Rebecca Payne (Anne Heche) schätzt die Kosten einer solchen Operation auf rd. 250.000 Dollar. Man habe sich bei Johns Krankenversicherung erkundigt und erfahren, dass diese die Kosten für eine solche Herztransplantation nicht übernehmen würde. Sie bezahle nur im Rahmen einer „Grundversorgung“.

John und Elise setzen alles daran, um eine Operation Mikes möglich zu machen. Der Vertreter der Krankenversicherung erläutert John, dass sein Versicherungsvertrag sich geändert habe, weil er nicht mehr vollzeitbeschäftigt sei, sondern Kurzarbeit leiste. Daher stehe ihm nur noch die Grundversorgung zur Verfügung. Freunde, Arbeitskollegen und die Kirche sammeln Geld, damit John und Elise wenigstens einen Teil der von Payne geforderten Anzahlung von 75.000 Dollar aufbringen können. Doch mehr als 6.000 Dollar kommen nicht zusammen.

Rebecca Payne entscheidet, Mike zu entlassen, weil sie annimmt, dass die Archibalds das Geld nie und nimmer zusammen bekommen können. Denise ist dem Zusammenbruch nahe. Als sie mit John telefoniert, ihm von der bevorstehenden Entlassung Mikes erzählt und ihn verzweifelt anschreit: „Tu endlich was!“, beschließt John, Dr. Turner zur Rede zu stellen. Er verspricht ihm, das Geld irgendwie aufzutreiben. Doch Turner sind die Hände gebunden; nicht er, sondern Rebecca Payne habe die Entscheidungskompetenz.

John Q. sieht nur noch eine Möglichkeit – und ist darauf vorbereitet. Er hat sich eine Waffe besorgt, nimmt Turner und ambulante Patienten als Geisel und verschließt die Türen in der Notaufnahme mit Ketten. Kurze Zeit später ist die Polizei alarmiert und riegelt unter Leitung von Lieutenant Frank Grimes (Robert Duvall) das Krankenhaus ab. Polizeichef Monroe (Ray Liotta) erscheint auf der Bildfläche. Er sorgt sich vor allem um seine Wiederwahl und will das Geiseldrama ohne Ansehen des Falls rasch in seinem Interesse beenden. Auch TV-Reporter Tuck Lampley (Paul Johansson) wittert seine große Chance, als einer seiner Mitarbeiter sich in den Fernsehkanal der Polizei respektive des Krankenhauses einklinken kann und Bilder direkt aus dem Krankenhaus von John und den Geiseln zu sehen sind.

Grimes versucht, John zur Aufgabe zu bewegen. Doch der ist fest entschlossen, seine Forderung durchzusetzen: Rebecca Payne solle erscheinen und Mike auf die Liste der Herztransplantationspatienten setzen. Wenn das nicht geschehe, würde er nach einer Stunde eine Geisel erschießen.

Hinter dem Rücken von Grimes organisiert Monroe inzwischen die Vorbereitung des „finalen Rettungsschusses“: Eine Spezialtruppe soll über Versorgungsschächte in das Krankenhaus eindringen und John – während er mit seiner Frau telefoniert – erschießen ...

Cassavetes lässt das Drama mit einer Szene beginnen, in der eine Frau in einem schicken Wagen bei einem Überholmanöver einen Verkehrsunfall verursacht, bei dem sie ums Leben kommt. Schon in dieser Sequenz, die am Schluss des Films noch einmal aufgegriffen wird, löst Cassavetes das Drama auf: Mikes neues Herz ist gesichert. Diese Dramaturgie ist spezifisch für den ganzen Film: Er ist, um es einmal so auszudrücken, überdramatisiert. Das hat Folgen. Denn das ehrliche soziale Anliegen des Films: die reichen Vereinigten Staaten sind nicht in der Lage oder willens, die gesundheitliche Versorgung ihrer gesamten Bevölkerung sicherzustellen, gerät in scharfen Kontrast zur erzählten Geschichte und deren Inszenierung. Die Story ist nämlich sowohl hinsichtlich der Handlung, als auch in der Ausarbeitung der Charaktere zumeist unglaubwürdig.

Nicht dass eine solche Geiselnahme aus diesen spezifischen Gründen nicht vorstellbar wäre, ist das große Manko von „John Q.“. Denzel Washington spielt einen Vater, der zu allem entschlossen scheint, um das Leben seines Sohnes zu retten. Schon rasch wird klar, dass dieses „Zu-Allem-Entschlossen“ nicht beinhaltet, andere in Lebensgefahr zu bringen, aber beinhaltet, andere dies glauben zu lassen. John Q. lässt sich auf ein riskantes Spiel ein, ein Spiel mit den Erwartungshaltungen der Beteiligten. Die Polizei glaubt, diesen Fall wie jeden anderen Fall von Geiselnahme behandeln zu können. Sie irrt sich, weil sie sich in der Person John Q. irrt. Nicht nur Lieutenant Grimes muss dies nach einiger Zeit feststellen. Auch der wie eine Modepuppe ausstaffierte Polizeichef Monroe (endlich mal wieder Ray Liotta) kann in dieser Hinsicht seine bitteren Erfahrungen machen. Auch wenn diese Figur, die Denzel Washington darstellt, ebenso überzogen gezeichnet ist wie die meisten anderen, hat der Film seine stärksten Momente dann, wenn Washington entscheiden muss, was er als nächstes tun soll. Gegenüber einer der Geiseln, die ihn fragt, welchen Plan er habe, antwortet John Q., er habe keinen Plan und wisse nicht, wie es weitergehen soll. Er weiß, dass er sich auf einem schmalen Grat der Ungewissheit bewegt, an dessen Ende der Tod stehen kann – für ihn wie für Mike.

Besonders beeindruckend in dieser Hinsicht ist die (musikalisch gottlob nicht unterlegte) Szene, in der sich John Q. von seinem Sohn verabschiedet, ihm sagt, er solle auf seine Mutter hören, die seine beste Freundin sei, er solle zu dem stehen, was er anderen versprechen werde usw. Hier ist Denzel Washington im wahrsten Sinn ganz groß. Auch diese Szene ist wie einige andere rührend, aber nicht rührselig.

Ebenso gehören die Sequenzen, in denen Denise und John Q. miteinander reden, streiten, leiden, zu den starken des Films.

Nein, das Manko des Films liegt auf einer anderen Ebene. Zum Beispiel in der Darstellung der Krankenhauschefin Payne. Sie wird eingeführt als eine knallhart, ja skrupellos agierende Geschäftsfrau, die mit Gesundheit handelt: Geld oder Tod. Später im Film, nach der Geiselnahme, zündet sie sich eine Zigarette an und eine Träne läuft ihr die Wange hinunter. Diese Verhaltensänderung ist sicherlich möglich, aber vollkommen unvermittelt. Erst Schurkin, dann mitfühlende Frau, dazwischen nichts. Auch Robert Duvall und James Woods fiel keine leichte Aufgabe zu. Als Polizeibeamter einer Spezialeinheit muss Duvall einen Spagat vollziehen: Durch das nur auf Publicity zielende Verhalten von Polizeichef Monroe (er will John Q. erschießen lassen) wird Grimes (Duvall) in die Sympathie zu John Q. getrieben: unglaubwürdig. Aber Duvall versucht, das beste daraus zu machen. Woods kann wenigstens seiner Rolle als Chefarzt noch einiges abgewinnen: Dr. Turner ist ein kaltgestellter Chefarzt, der genau weiß, dass die Einhaltung seines hippokratischen Eides in vielen Fällen längst durch die in das Gesundheitswesen eingedrungenen „ökonomischen Zwänge“ verunmöglicht wurde. Er hat dies verdrängt. Doch durch die Geiselnahme und die Konfrontation mit einem Mann, der für seinen Sohn alles Erdenkliche tun will, revidiert er sein Verhalten (mehr sei nicht verraten).

Die Charaktere sind überpointiert, oft plakativ überzeichnet. Und wen wundert’s? Der Film enthält keine Botschaft; er ist eine Botschaft. Solche Filme sind schwer zu realisieren. Sie malen in schwarz und weiß, Grautöne kommen kaum vor. Sie wechseln Figuren von schwarz zu weiß und umgekehrt, ohne Zwischenschritte. Draußen vor dem Krankenhaus formiert sich eine Menge von Schaulustigen, die in voller Sympathie hinter John Q. stehen; drinnen passiert fast das gleiche: Die Geiseln, selbst der egozentrische Mitch (Shawn Hatosy), geraten nach und nach in Bewunderung für John Q. angesichts der Menschlichkeit, die der ausgerechnet durch eine Geiselnahme dokumentiert.

Es sind diese Überreizung, diese starke, überpointierte Färbung, die manipulative Überdramatisierung und fehlende Plausibilität von „John Q.“, die eine starke Kluft schaffen zwischen Botschaft und Inszenierung. Das hat überraschenderweise jedoch auch zur Konsequenz, dass die Handlung tendenziell ins Groteske, ja Absurde driftet. Alles scheint sich um John Q. selbst zu gruppieren, einzuordnen, der Figur, in dem der Wahnsinn des Themas (ohne Geld keine Heilung) kulminiert. John Q. sagt „Halt! Bis hierher und nicht weiter! Soll das Leben unserer Kinder unmittelbar am seidenen Faden des Geldbeutels der Eltern hängen? Nein!“

Cassavetes Film muss man entweder mögen oder verabscheuen. Zwischenstufen sind schwer auszumachen. Das Groteske treibt manchmal tolle Blüten.