Malunde
(Malunde)
Deutschland, Südafrika 2001, 118 Minuten
Regie: Stefanie Sycholt

Drehbuch: Stefanie Sycholt
Musik: Annette Focks
Director of Photography: Jürgen Jürges
Montage: Ulrike Tortora
Produktionsdesign: Birrie Le Roux

Darsteller: Ian Roberts (Kobus), Kagiso Mtetwa (Wonderboy), Musa Kaiser (Breakfast), Wilmien Rossouw (Diane Malan), Grethe Fox (Estelle), Dolly Rathebe (Mam Lucy), Esmeralda Bihl (Elsie), Michelle Burgers (Rina), Danny Keogh (Andy), Mary Twala (Großmutter Khumalo), Winston Ntshona (Großvater Khumalo)

Wonderboys !

Der mit sechs Auszeichnungen bei der Verleihung des südafrikanischen Filmpreises bedachte erste Spielfilm der südafrikanischen Regisseurin Stefanie Sycholt hat leider zu wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhalten. Stefanie Sycholt (Tochter deutscher Einwanderer), die in den 80er Jahren lange Zeit in der „South African Student’s Press Union“ und als Medienbeauftragte der „National Union of South Africa’s Students“ gegen das Apartheid-Regime arbeitete, zum Teil auch im Untergrund, studierte in München Film mit dem Schwerpunkt Dokumentarfilm (vier Dokumentarfilme entstanden zwischen 1991 und 1998). In „Malunde“ erzählt sie die Geschichte eines ungleichen Paares: des weißen Ex-Soldaten des Apartheid-Regimes Kobus (Ian Roberts) und des schwarzen Straßenjungen Wonderboy (Kagiso Mtetwa), deren Wege sich mehr oder weniger zufällig kreuzen.

Aus dem Erlös jeder Kinokarte wurde übrigens jeweils ein südafrikanischer Rand (ca. 15 Cent) an den Nelson Mandela Kinder-Fonds (NMCF) gespendet. Dieser seit 1996 bestehende Fonds unterstützt Projekte im Rahmen von vier Schwerpunkten: Unterstützung des psychischen Wohlbefindens von Kindern (z.B. bei traumatisierten und schutzbedürftigen Kindern), Förderung behinderter Kinder, Projekte im Rahmen Erziehung und Entwicklung sowie im Bereich „Führung und Bestleistung“. Der Fonds konnte 2001 mit ca. 2,4 Mio € entsprechende Projekte im Bereich AIDS, Waisen, Kinderschutz, Computerkurse, Straßenkinder usw. unterstützen.

Die Apartheid ist besiegt. Die Armut und das Elend in vielen Townships nicht. Wonderboy, ein etwa 12jähriger Straßenjunge schlägt sich zwischen Drogendealern und Kriminellen in den Straßen von Johannesburg durchs Leben. Wonderboy hat es mit viel Geschick gelernt, dieses Leben zu führen. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, denn seine Mutter musste nach Kapstadt, um dort Geld zu verdienen. Wonderboy steckt in Schwierigkeiten, denn der Drogendealer Stix will seine achtjährige Freundin Breakfast (Musa Kaiser) auf den Strich schicken. Zudem hat er eine Rauschgiftlieferung von Stix versteckt, nachdem die Polizei den geplanten Handel verhindern konnte.

Kobus hat ebenfalls seine Schwierigkeiten. Er versteht die Welt nicht mehr, der ehemalige Soldat des Apartheid-Regimes, und kann die Zeiten nicht vergessen, in denen er versorgt war und eine Tapferkeitsmedaille des Regimes erhielt, die er immer noch bei sich trägt. Er wohnt bei der Familie seiner Schwägerin (Wilmien Rossouw), arbeitslos, streift umher, und seine Schwägerin will ihn lieber heute als morgen los werden, diesen Taugenichts. Wie ein Kriegsveteran leidet er unter dem Syndrom, die Vergangenheit nicht vergessen und sich in der Gegenwart nicht zurechtfinden zu können.

Als Wonderboy vor Stix und seinen Leuten fliehen muss, die auf ihn schießen, springt er in das Auto von Kobus und erzählt ihm, das sei ein Überfall auf das Auto. Wonderboy erfährt, dass Kobus nach Kapstadt fährt, um unterwegs und in der Stadt Wachs, das angeblich zur Möbelpolitur verwendet wird, zu verkaufen – ein Job, den Kobus widerwillig auf Vermittlung seiner Schwägerin angenommen hat. Der Junge sieht eine Chance, endlich seine Mutter wiederzusehen, die, was sie ihm geschrieben hatte, unter dem Schutz des Berges in Kapstadt wohnen soll.

Kobus ist gar nicht begeistert, setzt den Jungen unterwegs wieder auf die Straße. Doch dann sieht Wonderboy seine Chance. Als er wenig später sieht, wie Jugendliche das Auto von Kobus ausrauben wollen, verjagt er sie. Kobus und Wonderboy handeln einen Deal aus: Wonderboy passt auf das Auto und das Wachs auf, dafür nimmt ihn Kobus mit nach Kapstadt. Was zunächst nicht mehr als ein pragmatischer Kompromiss für beide ist, entwickelt sich nach und nach zu einer Freundschaft ...

Malunde, ein Wort aus der Sprache der Zulu, bedeutet „obdachlos, auf der Straße“. Die Geschichte handelt von zwei Straßenkindern: Wonderboy und Kobus, denn auch letzterer ist ein Verlorener in der neuen Welt ohne Apartheid. Kobus, dessen Frau sich vor Jahren von ihm getrennt hat und mit beider Tochter und einem neuen Mann zusammenlebt, ist ein Relikt aus der Geschichte des Regimes und der rassistischen Gesellschaft. Beide haben ihre Familien verloren, aus unterschiedlichen Gründen, aber hervorgerufen durch die gleiche Geschichte.

Gegenüber Kobus hat Wonderboy einen großen Vorteil: Der Junge hat sich zwangsweise mit den Lebensumständen arrangiert, er weiß, wie man das Wachs, dass Kobus Kunden nicht mehr wollen, anderweitig, z.B. als Schuhputzmittel, verkaufen kann, er weiß, wie man bettelt, wenn das Geld alle ist. Vor allem aber hat Wonderboy im Unterschied zu Kobus einen Traum, den Traum, seine Mutter, deren Bild und Brief er sorgsam aufbewahrt, wiederzusehen, endlich wieder in einer Familie zu leben. Er lässt nicht locker, bis er nach Kapstadt kommt. Kobus hat seine Frau und auch seine Tochter für immer verloren. Der Rückweg ist ihm versperrt. Und Kobus macht Fehler: Als er seine Tochter wiedersehen will, lässt er Wonderboy vor dem Haus seiner Frau stehen. Er verletzt den Jungen dadurch tief, denn inzwischen hat sich zwischen beiden so etwas wie Freundschaft längst in Ansätzen entwickelt. Als Wonderboy von ihm nichts mehr wissen will, merkt Kobus, dass der Junge der einzige Mensch in seinem Leben ist, der ihm wirklich etwas bedeutet. Kobus muss lernen. Und er lernt von Wonderboy.

Stefanie Sycholt gelingt in diesem Roadmovie der besonderen Art, die Folgen der Apartheid samt ihrer sozialen, politischen und wirtschaftlichen Implikationen in der Geschichte von Wonderboy und Kobus auf eine Weise zu personifizieren, die nicht nur in bezug auf eine Annäherung getrennter Welten in einer neuen Gesellschaft zu überzeugen vermag. Ihren beiden Hauptdarstellern – beide Opfer der Apartheid, der eine aber auch Täter – gelingt es zudem, in einer zumeist behutsamen Art dieser Annäherung einen sehr persönlichen Anstrich zu geben.

Kobus begreift, als er seine Ex-Frau wieder verlässt, dass er mit der Vergangenheit insofern abschließen muss, als er sein künftiges Leben entwerfen muss, wenn er nicht weiter als Looser und Loner einsam durch das Land streifen will. Da ist ein Junge, der seine Mutter sucht und für den er schon fast so etwas wie ein Vater geworden ist. Da ist die schwarze Besitzerin von Ronnies Sex Shop, einer Kneipe, Elsie (Esmeralda Bihl), die sich in Kobus verliebt und bei der er zum ersten Mal nach langer Zeit wieder das Gefühl hat, so etwas wie Zuneigung empfinden zu können. Zum Schluss deuten sich konkrete und glaubwürdige Zeichen einer neuen Familie an – Kobus, Wonderboy, Elsie, dann sind da noch die Großeltern von Wonderboy, und Kobus hat den Traum von einer neuen Arbeit im Krüger-Nationalpark.

Die Vergangenheit verschwindet nicht aus dem Leben und dem Denken von Kobus und Wonderboy. Aber sie erhält durch ihre Annährung, Freundschaft und Zuneigung eine andere Bedeutung, einen anderen Stellenwert. In dieser Annäherung, die zunächst vor allem von dem Jungen – mehr unbewusst zunächst – betrieben wird, bekommt die Versöhnung einen wunderbaren, fast zauberhaften, aber nicht unrealistischen Ausdruck. Das ist nicht die Art von Versöhnung, wie sie in Tisch- und Festreden von Politikern propagiert wird, sondern eine zwischen zwei, drei, vier Menschen, die sich langsam und trotz aller punktuellen Rückschläge, Schritt für Schritt und mit einem zunehmenden Gefühl für ihre Bedeutung vollzieht.

Auch wenn in Stefanie Sycholts Film an einigen Stellen manches vielleicht etwas zu glatt läuft, gehört „Malunde“ für mich zu den großen Filmen dieses Jahres.

© Bilder: Ottfilm GmbH