Open Hearts
(Elsker dig for evigt)
Dänemark 2002, 114 Minuten
Regie: Susanne Bier

Drehbuch: Susanne Bier, Anders Thomas Jensen
Musik: Jesper Winge Leisner
Director of Photography: Morton Søborg
Montage: Pernille Bech Christensen
Produktionsdesign: William Knuttel

Darsteller: Sonja Richter (Cæcilie), Mads Mikkelsen (Niels), Paprika Steen (Marie), Nikolaj Lie Kaas (Joachim), Stine Bjerregaard (Stine), Birthe Neumann (Hanne), Niels Olsen (Finn), Ulf Pilgaard (Thomsen), Ronnie Hiort Lorenzen (Gustav), Pelle Bang Sørensen (Emil), Anders Nyborg (Robert), Ida Dwinger (Sanne), Philip Zandén (Tommy)

„Marienhof“ als Dogmafilm ...

Dogma ist zum Kult geworden. Manche können Filme mit der Handkamera nicht mehr sehen. Das ständige Gewackle geht ihnen auf die Nerven. Auch Out-Of-Dogma-Regisseure benutzen inzwischen diese Technik, um so etwas wie Realitätsnähe zu dokumentieren. Ein gelungenes Beispiel ist etwa Andreas Dresens „Halbe Treppe“ (Deutschland 2002), der mit digitaler Handkamera seine Typen aus Frankfurt an der Oder ablichtete. Gute Beispiele für dänische Dogma-Filme waren etwa Lone Scherfigs „Italienisch für Anfänger“ (2000) und „Kira“ (2001) von Ole Christian Madsen. Dogmafilme müssen aber nicht nur mit der Handkamera gedreht werden. Filmen in Farbe und 35 mm sowie bei natürlichem Licht sind ebenso vorgeschrieben wie Filter und optische Tricks sowie Waffen und Mord im Film verboten sind. Dogmas müssen in der Gegenwart spielen und sich an realen Orten bewegen, ohne zusätzliches Bühnenbild oder hinzugefügte Gegenstände. Dogmas dürfen sich nicht einem Genre verschreiben. „Open Hearts“ ist einer der letzten Dogmas, da sich das Sekretariat, das über die Zertifikate von Dogma-Filmen entscheidet, in Kopenhagen aufgelöst hat. Es folgen noch drei Filme zwei aus Spanien, einer aus den USA, dann ist Schluss mit Dogma.

Ein Versuch in dieser Hinsicht, Susanne Biers „Open Hearts“ wird fast durch die Bank weg gelobt. Von einem tiefen Blick in offene Herzen war zu lesen, von Trost ohne die üblichen Hollywood-Manierismen, sogar von Humor. So heißt Susanne Biers Film im Original auch „Ich liebe dich für immer“. Bekannt wurde Susanne Bier übrigens durch „The One and Only“ (1999) und „Once in a Lifetime“ (2000).

Joachim (Nikolaj Lie Kaas) und Cæcilie (Sonja Richter) sind ein jung verliebtes Paar und erwägen zu heiraten. Als Cæcilie Joachim eines Tages aus dem Auto aussteigen lässt, wird er von einem herannahenden Pkw, der mit überhöhter Geschwindigkeit fährt, erfasst und schwebt lange Zeit in Lebensgefahr. Die Ärzte diagnostizieren: Lähmung vom Hals abwärts. Joachim hat beim Aussteigen nicht aufgepasst, die Unfallfahrerin Marie (Paprika Steen) ist zu schnell gefahren, weil sie mit ihrer pubertierenden Tochter Stine (Stine Bjerregaard) Streit hatte. Maries Mann, Niels (Mads Mikkelsen, zuletzt in „Kira“ zu sehen), ist Arzt in dem Krankenhaus, in dem Joachim liegt. Marie bittet Niels, mit Cæcilie zu sprechen, ihr beider tiefes Mitgefühl auszusprechen. Der Unfall passiert zudem ausgerechnet an Stines Geburtstag.

Joachim ist völlig deprimiert. Cæcilie will sich um ihn kümmern, verspricht, ihn nicht allein zu lassen. Doch Joachim reagiert verbittert, stößt Cæcilie von sich weg, spricht tagelang kein Wort. Die Ärzte versuchen Cæcilie zu beruhigen; das seien normale Reaktionen nach einem derartigen Schock, der das ganze Leben eines Menschen verändere. Cæcilie aber kann nicht damit umgehen, dass Joachim sie barsch abweist. Immer wieder ruft sie Niels an, will mit ihm reden, seinen Trost – bis sich beide näher kommen und ineinander verlieben. Heimlich treffen sie sich in Stines Wohnung. Joachim hat seine Möbel verkaufen lassen, Niels kauft Cæcilie neue. Lange bleibt ihre Beziehung nicht geheim. Stine hat zuerst den Verdacht, dass ihr Vater etwas mit Cæcilie hat. Sie verfolgt ihn heimlich und stellt ihn auf der Straße zur Rede. Niels, der Marie und seine Kinder liebt, hatte zunächst alles abgeleugnet. Doch nach Stines Auftritt gesteht er Marie, dass er Cæcilie liebt, und zieht aus.

Einige, allerdings nur wenige, Szenen in „Elsker dig for evigt“ sind passabel gedreht worden, etwa die Unfallszene, in der Paprika Steen, Stine Bjerregaard und Sonja Richter eine überzeugende Leistung erbringen. Auch das Gespräch zwischen Marie und Niels, als er seine Beziehung zu Cæcilie gesteht, gehört zu den besseren Szenen des Films.

Trotzdem beschlich mich schon nach kurzer Zeit – trotz aller Bemühungen der Dogma-erfahrenen Schauspieler Paprika Steen, die mir am besten gefallen hat, und Mads Mikkelsen – das Gefühl, das hier ein ernstes Thema langsam, schleichend, aber auf sicherem Pfad auf das Niveau allseits berühmt-berüchtigter Fernsehserien wie „Marienhof“ oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gebracht wird. Daran können Dogma-Regeln ebensowenig etwas ändern wie der gehobene Anspruch, den die Regisseurin selbst erhebt.

Denn Bier reduziert die Geschichte auf Allerwelts-Gefühlslagen, wie sie in den genannten Fernsehserien in mittelmäßiger Routine und mit simpler Logik Tag für Tag reproduziert werden. Der „Trick“ dabei ist der Unfall und seine Folgen, die zunächst natürlich auch das Publikum schockieren. Alles, was Bier darstellt, ist nicht abseitig, unrealistisch. Selbstverständlich ist es plausibel anzunehmen, dass die Freundin eines Unfallopfers Trost sucht angesichts eines solchen Einschnitts. Selbstverständlich kann eine gut funktionierende und von Liebe geprägte Ehe wie die zwischen Marie und Niels trotzdem auseinander brechen, weil es keine absolute Sicherheit für irgend etwas gibt. Selbstverständlich kann eine Tochter ihren Vater wegen einer solchen Beziehung scharf attackieren. Selbstverständlich ist Joachims aggressive Haltung nach dem Unfall glaubwürdig.

All das ist gut und schön. Doch was machen die Schauspieler daraus und was macht vor allem das Drehbuch daraus? Sonja Richters Cæcilie vergräbt sich in Trauer, dann in Selbstmitleid und dann in die Beziehung zu Niels. Mads Mikkelsens Niels verlässt so mir nichts dir nichts ohne irgendwelche Überlegungen seine Frau, als wenn er das Hemd wechseln würde. Nikolaj Lie Kaas Joachim reagiert anfangs auf alle aggressiv und beleidigend, bis er schließlich aus seinem Selbstmitleid erwacht und wieder Kontakt zu seiner Umwelt hält.

Wie gesagt, alles schön und gut, aber was soll das? Das sind die Themen, die angeblich das Leben schreibt? Zunächst einmal sind das nur Themen, Figuren am Anfang, eine Geschichte in groben Zügen, Gefühlslagen im Ansatz, also das, was ein Drehbuchautor als Anfangsmaterial benötigt, um dann eine lebendige Geschichte daraus zu wirken. Und genau daran fehlt es diesem Film. Er bleibt im Ansatz stecken. Das, was sich an Gefühlen zeigen will, sind nur Ansätze davon, was sich offenbaren könnte. Bei Cæcilie und Niels treffen Trost hier, Verliebtsein dort aufeinander. Und dann? Dieses „und dann“ fehlt Susanne Biers Film. Niels und Cæcilie kaufen Möbel. Niels kauft gut gelaunt dies und das, Cæcilie lacht dazu und freut sich. Und dann? Die emotionalen Verhältnisse bleiben in einem wahrhaftigen Sinn auf der Oberfläche, und das genau macht „Open Hearts“ zu einem Film, der den Vergleich mit den genannten Fernsehserien nicht zu scheuen braucht – leider.

Mit diesen Personen wird man nicht warm, es sei denn, man lässt sich auf die Oberfläche der Geschichte ein, auf Figuren, die nicht mehr als austauschbare Abziehbilder sind, eine Handlung, die so voraussehbar ist, das man schon nach dem Unfall weiß, wie die Geschichte ausgehen könnte. Das Leben plätschert vor sich hin, und plätschert und ... Die Konflikte, die durch die Liebesbeziehung von Cæcilie und Niels aufkommen, sind keine. Nur Paprika Steen und Stine Bjerregaard bewahren das Spiel mit diesen Konflikten einigermaßen davor, dass der Film hier nicht in völlig seichtes Fahrwasser abgleitet.

Susanne Bier, liest man, hält herkömmliche Familienstrukturen für obsolet (ihr gutes Recht, das zu glauben); daher hätten Niels und Marie bei ihr keine Chance. Vielleicht ist es dieser Anspruch, diese Vorstellung, von der sich die Regisseurin zu stark leiten ließ, die den Film im wahrsten Sinn des Wortes unrealistisch werden lässt. Die vier Hauptpersonen sind ausschließlich über ihre durch den Unfall ausgelösten Gefühlslagen identifizierbar. Aber haben sie nicht noch einen Beruf, ein Familienleben, eine Vergangenheit, irgend etwas, was sie als Subjekte auch noch identifizierbar macht? Ja, eben die Idee der Regisseurin, für die sie als Leitfiguren herhalten müssen.

So gestaltet sich auch der Trost, den Susanne Bier am Schluss, der alles offen lässt – gewollt, aber nicht gekonnt – als eine Allerweltsweisheit: dass das Leben schon irgendwie weitergehen wird. Ein schwacher Film mit einem schwachen Trost, der keinen Saft und keine Kraft hat.

© Bilder: Arsenal Filmverleih