Serpico
(Serpico)
USA, Italien 1973, 129 Minuten
Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Waldo Salt, Norman Wexler, nach dem Roman von Peter Maas
Musik: Mikis Theodorakis
Director of Photography: Arthur J. Ornitz
Montage: Dede Allen, Richard Marks
Produktionsdesign: Charles Bailey

Darsteller: Al Pacino (Frank Serpico), John Randolph (Chief Sidney Green), Jack Kehoe (Tom Keough), Biff McGuire (Captain Inspektor McClain), Barbara Eda-Young (Laurie), Cornelia Sharpe (Leslie Lane), Tony Roberts (Bob Blair), John Medici (Pasquale)

Die Umkehrung der Verhältnisse

„Es war einmal ein König. Der regierte sein
Reich friedlich und glücklich. Der König
besaß einen großen Brunnen, aus dem
reichlich Wasser floss. Alle Bürger seines
Landes und er selbst tranken aus ihm.
Aber eines Tages vergiftete eine böse
Hexe den Brunnen. Und als die Leute
aus ihm tranken, wurden sie alle verrückt.
Nur der König trank das vergiftete Wasser
nicht. Da meinten alle seine Untertanen,
der König sei verrückt, und sie setzten
alles daran, dass er abdanke. Der
König war verzweifelt. Schließlich trank
auch er aus dem Brunnen. Und da
geschah es, dass ihn alle seine Untertanen
wieder für normal hielten.”

Wenn Systeme sich verändern, wechseln auch ihre Regeln und ihre Funktionsweise. Aber das sagt nicht alles über sie. Spielt man „Mensch ärgere dich nicht”, sind die Regeln allen klar. Sie sind einfach und durchschaubar. Hält sich jeder an sie, entscheidet vor allem das Glück – der Würfel – darüber, wer gewinnen wird. Würde man das Spiel so ändern, dass Betrug zur primären Regel des Spiels wird und alle – außer einer Person – sich daran halten, entschiede nicht mehr der Würfel über den Ausgang des Spiels, sondern der beste Betrüger würde gewinnen. Der, der sich noch an die alten Regeln hielte, wäre zum Außenseiter gestempelt, zum Gebrandmarkten – wenn es die anderen so wollten. Er vertraute nach wie vor dem Glück, während die anderen den Betrug legalisiert hätten. Alle Versuche des Einzelgängers, die anderen zur Einhaltung der alten Regeln zu bringen, wären plötzlich systemwidrig.

Wie sagt ein korrupter Cop in Sidney Lumets „Serpico”: „Wer traut schon einem Bullen, der nicht bestechlich ist?”

„Serpico” fußt auf dem Buch von Peter Maas, der das Leben des Officers Frank Serpico aufgeschrieben hatte – einem Polizisten der in den 60er und 70er Jahren beim NYPD arbeitete, fast alleine jahrelang gegen Korruption kämpfte und am 15.6.1972 seinen Dienst quittierte und in die Schweiz zog, bis er 1980 in die Staaten zurückkehrte und sich seitdem weiterhin für Bürgerrechte und gegen Korruption einsetzt.

Nachts in Manhattan. In einem Polizeiauto liegt ein schwer verletzter Polizist. Man hat ihm in die Backe geschossen. Er wird operiert. Er hat Glück. Er wird überleben. Er wird ab und zu Schwindelgefühle haben. Er wird auf seinem linken Ohr taub bleiben. Seine rechte Körperhälfte wird ab und zu steif sein. Aber er lebt. Und er wird aussagen.

Frank Serpico (Al Pacino) wollte schon als Junge Polizist werden. Er absolviert die Polizeiakademie, hört sich an und glaubt, was die Vorgesetzten dort nach bestandener Prüfung sagen. Sie reden von Gesetz und Ordnung, Ehrlichkeit und Ehrbarkeit und so weiter. Und Serpico glaubt, dass er diese Arbeit gut erledigen wird. Als Streifenpolizist nimmt er einen Mann fest, der zusammen mit zwei anderen eine Frau vergewaltigen wollte. Ein Kollege namens Malone schlägt den Verhafteten, um eine Aussage zu erzwingen. Serpico – angewidert von Malone – greift sich den Verletzten, geht mit ihm Kaffee trinken und erfährt von ihm, der „nur” dabei war, wer die beiden anderen waren. Auch die nimmt er fest.

So arbeitet Serpico fast zwei Jahre beim DCI (Bureau of Criminal Identification), bis er von einem Vorgesetzten beschuldigt wird, auf der Herrentoilette mit einem anderen Polizisten „rumgemacht” zu haben – ein Vorwand, um den unbequemen Cop los zu werden. Von Anfang an ist Serpico ein Außenseiter. Er lässt sich die Haare wachsen, einen Bart, trägt eine Mütze und hat keine Freunde unter den Kollegen. Sein Vorgesetzter McClain (Biff McGuire) sagt zu, ihn zu versetzen. Kaum hat er seine neue Stelle angetreten, übergibt ihm ein Kollege einen Briefumschlag mit 300 Dollar. Serpico meldet dies auf Anraten seines neuen Freundes Blair (Tony Roberts), einem Polizisten, dem Vorsitzenden der polizeilichen Untersuchungskommission – ohne Erfolg. McClain versetzt ihn daraufhin zur 7. Einheit, einer Abteilung, die angeblich „reiner als Quellwasser” sein soll. Falsch. Hier blüht die Korruption noch ärger als woanders.

Auch hier versucht man, Serpico zur Annahme von Bestechungsgeldern zu bewegen. Ohne Erfolg. Serpico vertraut auf einen Vorgesetzten, der die Sachlage dem obersten Polizeichef melden wolle. Vergeblich. Es geschieht in Wirklichkeit monatelang nichts – außer, dass kein Kollege Serpico mehr traut. Er gilt als Verräter. Schließlich schlägt der einzige Polizist, der zu ihm hält, Blair, vor, zum Bürgermeister zu gehen. Doch auch diese Hoffnung auf eine innerpolizeiliche Klärung der Korruption zerplatzt wie eine Seifenblase. Der Bürgermeister lässt verlauten, er wolle sich wegen angeblich anstehender Krawalle im Sommer nicht mit der Polizei anlegen.

Als Serpico den Mafiosi Corsaro festnimmt, fordern ihn seine Kollegen auf, den Mann, ihren „Kumpel”, laufen zu lassen. Er zahle gut. Serpico locht Corsaro ein und meldet den Vorfall. Endlich kommt es zu einer Untersuchung der Korruption. Vor der Untersuchungskommission mit Geschworenen verhindert Staatsanwalt Tauber (Allan Rich) allerdings, dass das Verhalten der Vorgesetzten auch nur zur Sprache kommt. Serpico erkennt, dass es den Verantwortlichen im Polizeiapparat vor allem auf eines ankommt: den Apparat zu schützen.

Und wieder wird der Polizist versetzt: zur Drogenfahndung nach Manhattan. Dort blüht die Korruption ebenso, und lediglich sein unmittelbarer Vorgesetzter Lombardo (Edward Grover) unterstützt Serpico. Auch hier nachgewiesene Bestechungsfälle wollen die Verantwortlichen nicht verfolgen.

Schließlich entscheiden sich Serpico, Lombardo und Blair, über die jahrelange Korruption der New York Times zu berichten ...

Nach seiner Darstellung des Michael Corleone in Coppolas „Der Pate” 1972 fand Pacino in „Serpico” eine weitere Gelegenheit, seine Fähigkeiten voll auszuschöpfen. Seine Darstellung des unbestechlichen Cop ist denn auch ein Meilenstein in seiner weiteren Karriere. Pacinos Cop schlendert und schlurft durch New York, die Gassen, die Reviere, die Hinterhöfe und über die Dächer wie ein Hippie – mit immer länger werdenden Haaren, Bart und einem Mützchen, wie man es am Strand vielleicht trägt. Er sieht nichts anders aus als die Kriminellen, denen er hinterherjagt. Pacino spielt ihn mal überlegt, mal ausrastend, verzweifelt und voller Angst, aber nicht aufgebend, standhaft. Er spielt ihn als Mann, der nur zwei Dinge will: seinen Job ordentlich erledigen und die Korruption bekämpfen. Er spielt ihn als Einzelgänger, nicht nur, was seine Arbeit angeht. Auch privat ist Serpico ein Außenseiter. Seine Beziehung zu Leslie (Cornelia Sharpe) geht schief, weil sie heiraten will, er aber nicht. Die darauf folgende Beziehung zu einer Nachbarin, Laurie (Barbara Eda- Young) scheitert schließlich, weil Serpico nur noch seinen Job und den Kampf gegen die Korruption im Sinn hat und Laurie dies nicht erträgt.

Lumet („Die zwölf Geschworenen”, 1957; „Hundstage”, 1975; „Network”, 1976; „The Verdict”, 1982), der sich streng an die Vorlage von Maas hielt, schildert die Ereignisse realistisch, ungeschminkt und ohne irgendwelche Zugeständnisse – so, wie er es in „Network” später (1976) zum Thema Medien ebenso halten wird. Lumet zeigt die Funktionsweise eines Apparates in aller Deutlichkeit, der nach außen andere Regeln verkündet, als sie im Inneren gelten. Diese inneren Regeln sind klar und eindeutig: Man nimmt Geld von Beschuldigten, auch von überführten Verbrechern, und lässt sie zumeist dafür in Ruhe. Manche kassieren Spielgelder, andere Gelder aus Betrügereien, Hehlerei-Geschäften, Drogengeschäften und so weiter und so fort. In Manhattan kassieren Cops aufgrund des dort blühenden Drogengeschäfts auch schon mal 40.000 Dollar pro Nase. Das alles kann nur geschehen, weil die Vorgesetzten in allen Teilen des Apparates entweder die Korruption dulden, sprich beide Augen zu machen, oder gar selbst abkassieren oder – wie das Amt des Bürgermeisters – keinen Streit mit der Polizei und vor allem den Medien wollen.

Lumet zeigt aber auch mit überzeugender Präzision in den Details, dass in diesem System eine immanente Klärung und Aufklärung oder gar Beseitigung dieser Zustände nicht möglich ist. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, diesen Zuständen zu begegnen: den Weg, den Serpico schließlich geht (Öffentlichkeit), der mit Gefahr für das eigene Leben verbunden ist, oder den Weg, den Laurie ihm vorgeschlagen hatte – den des Märchens vom König und dem vergifteten Brunnen.

„Serpico” weist über den Einzelfall hinaus. Er zeigt, dass alle Systeme, die ein gewisses Maß an Abgeschlossenheit gegenüber ihrem „Außen” haben, eine Eigendynamik entwickeln, die von innen heraus nicht aufgebrochen werden kann, sofern die überwältigende Mehrheit der Personen im System mitspielen. Dabei ist es nicht einmal notwendig, dass alle aus Überzeugung mitspielen, d.h. skrupellos Geld annehmen und das für richtig halten. Die meisten Cops in Serpicos Fall tun dies aus Angst, als Außenseiter abgestempelt zu werden, aus Angst, ihr Leben könne in Gefahr geraten, und andere haben Gründe, die sie als Rechtfertigung vorschieben: die Familie etwa. Mitläufer sind wesentlicher Bestandteile solcher kriminell modifizierter Subsysteme, ohne dies das alles nie funktionieren würde. Wieder andere haben Gruppen gebildet, die das Bestechungssystem zur Blüte und Effizienz treiben. Und noch etwas funktioniert: die abkassierten Gangster. Sie würden den Teufel tun und Anzeige erstatten. Denn Straffreiheit ist das schönste Geschenk, was sie erwarten können.

Dadurch verändert sich allerdings das System selbst auch in seinen Zwecken. Die Verbrechensbekämpfung ist nicht mehr Zweck, sondern höchstens noch Mittel zum Zweck des Abkassierens. Auch dieser wesentliche Faktor kann auf andere Subsysteme der Gesellschaft mühelos übertragen werden – gerade wenn es sich um die „besonderen Gewaltverhältnisses” handelt, also etwa das Militär oder die Geheimdienste. Je geringer die Kontrolle und Überwachung solcher Systeme von außen ist, desto geringer ist die Chance, dass eine Perversion solcher Systeme verhindert werden kann. Das – auch das wurde mir bei Lumets Film deutlich – gilt nicht nur für staatliche, öffentliche Behörden; es gilt im gleichen Maße z.B. auch für die Wirtschaft.

Serpico kam mit dem Leben davon. Er verließ die Polizei, lebte eine Zeitlang in der Schweiz. Wer sich näher über ihn informieren will, dem sei Serpicos Homepage empfohlen:

© Bilder: Kinowelt.