Sleepy Hollow
(Sleepy Hollow)
USA 1999, 105 Minuten
Regie: Tim Burton

Drehbuch: Andrew Kevin Walker, Kevin Yager, nach einem Roman von Washington Irving
Musik: Danny Elfman
Director of Photography: Emmanuel Lubezki
Montage: Chris Lebenzon, Joel Negron
Produktionsdesign: Rick Heinrichs

Darsteller: Johnny Depp (Constable Ichabod Crane), Christina Ricci (Katrina Anne van Tassel), Miranda Richardson (Lady Mary van Tassel), Michael Gambon (Baltus van Tassel), Casper van Dien (Brom van Brunt), Jeffrey Jones (Reverend Steenwyck), Richard Griffiths (Bürgermeister Samuel Philips), Ian McDiarmid (Dr. Thomas Lancaster), Michael Gough (Notar James Hardenbrook), Marc Pickering (der junge Masbath), Lisa Marie (Ichabods Mutter), Steven Waddington (Mr. Killian), Christopher Walken (der hessische Reiter), Christopher Lee (Burgomaster), Claire Skinner (Elizabeth Killian)

Kopfloses und Kopflastiges

„Ich wollte einen Kopflosen gegen
einen Kopflastigen anreiten lassen.
Das Bewusste gegen das Unbewusste.
Den Verstand gegen die Sehnsucht.
Eine extrem gerade Metaphorik,
wie sie wohl nur im Horrorfilm
vorkommt.“
(Tim Burton) (1)

Das ist Tim Burton („Edward mit den Scherenhänden“, 1991; „Batmans Rückkehr“, 1992; „Ed Wood“, 1994; „Mars Attacks!“, 1996; „Planet der Affen“, 2001) in seiner Geistergeschichte, die weit mehr ist als nur das, durchaus gelungen. „Sleepy Hollow“ spielt, wenn man so will, mit den historischen Ursprüngen des Horrorfilms. Und genau in dieser Zeit spielt die Geschichte um den jungen, aufgeklärten Constable Ichabod Crane (Johnny Depp): 1799. Während seine Vorgesetzten und auch der Richter (Christopher Lee) in New York weiterhin auf Foltermethoden und erzwungene Geständnisse setzen, wenn sie z.B. in einem Mordfall nicht weiterkommen, hat sich Crane ein „modernes“ Besteck an Untersuchungsgeräten zugelegt und setzt auf Verstand und Logik als einzigen Kriterien, um Motive und Täter aufzuspüren. An den Scheidelinien zwischen Aufklärung und Romantik, Wissenschaft und Aberglauben, Religion und Weltlichkeit, Verstand und Gefühl angesiedelt, erzählt Burton eine von teils skurrilem Humor geprägte Kriminalgeschichte, in der menschliche Motivationen und Sehnsüchte grausame Folgen zeitigen, an denen Crane fast – aber nur fast – verzweifelt.

„Es ist die Verbindung des Niedlichen
und Grausamen, des Ironischen und Hysterischen.
In diesen Ambivalenzen steckt für mich
die ganze Symbolik des Lebens.
Ich bin nun einmal nie nur glücklich,
sondern immer auch etwas bedrückt.
Bin ich komplett deprimiert, gibt es
auch in diesem Zustand etwas sehr
Kuscheliges. Ich mag die Überspanntheit
in den alten Spukgeschichten.
Das Maßlose, das alle Monster
immer als recht kindliche Phantasien offen legt.“ (1)

Crane wird in den zwei Tagesreisen von New York entfernten kleinen Ort Sleepy Hollow geschickt. Er soll dort den Morden an einem angesehenen Bewohner, seinem Sohn und einer weiteren Person nachgehen, denen allen der Kopf abgeschlagen wurde. Die Köpfe der Opfer sind verschwunden, und die Einwohner – allen voran Bürgermeister Philips (Richard Griffiths), der Notar Hardenbrook (Michael Gough), der Arzt Dr. Lancaster (Ian McDiarmid) und Reverend Steenwyck (Jeffrey Jones) – erzählen dem verdutzten Crane eine merkwürdige, für ihn schier unglaubliche Geschichte: Der Mörder sei ein Toter, ein ehemaliger hessischer Söldner (auf seiten der britischen Armee), der seinen Gegnern vor Jahren während des Unabhängigkeitskrieges die Köpfe abgeschlagen habe, bis man ihn selbst enthauptete und irgendwo in den Wäldern verscharrt habe. Es liege ein Fluch über Sleepy Hollow; der kopflose Reiter sei wohl auf der Suche nach seinem Kopf und würde nicht eher ruhen, bis er ihn gefunden habe.

Crane glaubt kein Wort. Er vermutet hinter den Morden ganz banale und weltliche Motive. Der Unbekannte köpft unterdessen weiter. Eine Witwe und ein Mr. Masbath werden seine nächsten Opfer. Dann erzählt der Bürgermeister Crane, es lägen nicht vier, sondern fünf Leichen in den Särgen. Crane stellt fest, dass die geköpfte Witwe schwanger war. Und dann sieht er das erste Mal den kopflosen Reiter, als der den Bürgermeister tötet. Crane beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln. Immer noch jedoch glaubt er an eine natürliche Lösung des Falls. Und er scheint gute Gründe dafür zu haben; denn offenbar gab es in Sleepy Hollow eine Verschwörung, in die auch der reiche Baltus van Tassel (Michael Gambon) und andere angesehene Bürger verwickelt zu sein scheinen. Zudem plagen Crane auch noch Alpträume über Erlebnisse in seiner Kindheit. Und was soll er von der schönen Tochter van Tassels, Katrina (Christina Ricci), halten, zu der er sich einerseits hingezogen fühlt, die aber andererseits eine dubiose Rolle zu spielen scheint ...

„Nun die Wirklichkeit! Die ist
kurioser und unglaubwürdiger als
ein Trash-Film aus den fünfziger
Jahren wie ‘Plan 9 from outer space’.
Menschen legen oft mechanischere
Verhaltensweisen an den Tag als ein
Roboter und können weiß Gott brutaler
vorgehen als ein übel gelauntes Monster.“ (1)

Tim Burton und sein Team verwandten sehr viel Mühe auf ein Szenenbild, das den Ort Sleepy Hollow in einem düsteren, finsteren, unheimlichen, oft beängstigenden Licht erscheinen lassen. Oft erscheinen der Ort oder Teile von ihm wie Gemälde aus dieser Zeit (Burton ließ auch Kulissen malen). Ähnliches gilt für die teils finsteren, teils skurrilen Personen, die den Ort bevölkern, besonders für die vier Männer, die den Ort zu beherrschen scheinen. Obwohl Christopher Walken nur zu Beginn und am Schluss des Films als kopfloser Reiter auftaucht, passt auch seine Maske in die Szenerie und Atmosphäre des Films. Burton sparte jedoch auch nicht mit Ironie. So werden teilweise die blutigen Szenen, in denen Crane etwa Leichen obduziert, ironisch gewendet: das Blut spritzt ihm auf sein eh schon komisch aussehendes, brillenähnliches Untersuchungsgerät, das er sich auf die Nase gesetzt hat, als ob etwas schief gegangen sei. Johnny Depp ist in einer seiner besten Rollen zu sehen, in der eines Kriminalbeamten, bei dem der Glaube an Vernunft erschüttert wird, der sich aber zugleich nicht unterkriegen lässt, bis er die Lösung des Rätsels um die kopflosen Opfer gefunden hat. Christina Ricci spielt eine junge Frau, die mehr zu wissen scheint, als sie zugibt, doch gleichzeitig ihre Gefühle für Crane nicht leugnen kann. Miranda Richardson als Stiefmutter Katrinas sowie Jeffrey Jones, Richard Griffith, Michael Gough und Ian McDiarmid leisten überzeugende Arbeit als örtliche Führungskräfte.

Die Geschichte selbst ist komplex, verbindet logische Erklärung für menschliches Tun mit Übersinnlichem, verknüpft Sehnsüchte eines Toten, der nicht zur Ruhe gekommen ist, mit handfesten Interessen und verletzten Gefühlen Lebender. Damit thematisiert Burton das Thema vieler Horrorfilme, in denen unter der vernunftbestimmten Oberfläche menschlichen Handelns (Ur-)Ängste zum Ausbruch kommen, die sich in einer Figur personalisieren. Diese Ängste manifestieren sich in einem „Kopflosen“, der ausschließlich aus seinem Instinkt heraus zu handeln scheint, dabei jedoch planmäßig vorgeht, zugleich aber auch instrumentalisiert wird. Auf beängstigende Weise verknüpfen sich so Intrige, planmäßig organisierte Rache, Geldgier, Verbrechen und Verletzungen, die nie überwunden wurden.

„Eigentlich erscheint mir mein gesamter
Kosmos seit meiner Geburt höchst
merkwürdig. Meine Verwandten,
meine Lehrer alles Mutanten. Jeder
konnte mich gruseln. Das Unheimlichste
war vielleicht die erste Begegnung mit
meinem Zahnarzt. Ich erinnere mich
genau an seine riesigen schwarzen
Nasenlöcher, die wegen der gruseligen
Beleuchtung an den Rändern zu glühen
schienen. Für mich stand fest: Das sind
die Eingänge zum Orkus. Und ich war
mir sicher, der wartet nur auf mich.“ (1)

Burton zeigt in Ansätzen eine Art von Kino, in der er den Zuschauer in einen Zustand der Unschuld versetzt, so als sehe er das Schuld-Werden als einen Sprung aus dem paradiesischen, kindlichen Zustand zum ersten Mal. Er zeigt den Menschen als lebenden Zombie. In „Sleepy Hollow“ gibt es keinen, der nicht schuldig wäre oder würde – außer vielleicht Crane? Aber selbst bei Crane spielt ein sich in Alpträumen manifestierendes Kindheitstrauma eine entscheidende Rolle: Crane hat aufgrund dieses Erlebnisses nicht nur jeglicher Religion abgeschworen. Für ihn ist alles Logik, Verstand, Vernunft und daher bis zum letzten Rest erklärbar und auflösbar. Crane, das ist sozusagen der Repräsentant einer „unschuldigen“ Aufklärung, die nur an sich selbst als „das Gute“ glaubt.

Burton löst Gut und Böse als abgeschottete Bereiche, die haarscharf in Gegensatz gebracht und dementsprechend personalisiert werden könnten, auf. „Der Gute“, Crane, bemüht sich redlich, aber erst am Schluss begreift er, dass „der Böse“ etwas einfordert, was ihm zusteht. Die Rache des Vergangenen erweist sich auf diese Weise auch als ein Weg, der unvermeidlich zu beschreiten ist. Das „Kopflastige“ und das „Kopflose“ sind der Wirklichkeit menschlichen Verhaltens damit näher, als es zunächst erscheinen mag, nur, dass sich in ihrer Vereinseitigung Tragik und Schrecken ankündigt.

(1) Interview mit Tim Burton in der „Berliner Zeitung“ vom 24.2.2000.

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